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ZeroCovid-Kampagne veröffentlicht Stufenplan zur Pandemiebekämpfung

Im Vorfeld des Bund-Länder-Gipfels am Mittwoch, 3. März, legt die ZeroCovid-Kampagne einen eigenen Stufenplan zur Pandemiebekämpfung vor. Unter dem Titel “Die Pandemie hinter uns lassen: In drei Stufen auf die Null!” werden drei Stufen von der Vollbremsung über die vorsichtige Öffnung zur Grünen Stufe beschrieben.

Gizem Fesli, Pressemitarbeiterin der ZeroCovid-Kampagne, erläutert die Risikostufe 1 “Vollbremsung” (Inzidenz über 10): “Die Stufe “Vollbremsung” erfordert sofortiges umfassendes Handeln, um eine exponentielle Ausbreitungsdynamik zu unterbinden. Damit sollen gerade angesichts der Gefahr durch die Mutationen viele Infektionen mit Langzeitfolgen (#longcovid) sowie ein weiteres Massensterben verhindert werden. Bis zu einer Inzidenz von 10 gilt: Wirtschaft, Einzelhandel und Schulen bleiben geschlossen. Wo lebensnotwendige Arbeit weitergeführt werden muss, muss diese möglichst im HomeOffice durchgeführt werden. Die Kosten des HomeOffice sind durch den Arbeitgeber zu tragen. Zudem muss umgehend die Impfstoffproduktion für die ärmeren Länder durch die reichen Länder finanziert werden.”

Zur Risikostufe 2 “Vorsichtige Öffnung” (Inzidenz unter 10) führt Fesli aus: “Die Priorität in der Stufe “Vorsichtige Öffnung” liegt auf Lockerungen im Bildungsbereich, insbesondere bei den Kitas und Schulen. Parallel soll eine vorsichtige Öffnung des Freizeit- und Kulturbereichs erfolgen, damit die Bevölkerung wieder einen Ausgleich zu den massiven psychosozialen Belastungen der Pandemie erfährt. In dieser Phase sollen zudem Ansätze einer sozial gerechten, zukunftsweisenden Gesundheitspolitik und Gesundheitsförderung etabliert werden. Im Pflegebereich sollen die Löhne mindestens verdoppelt werden, zudem sollen psychosoziale Beratungs- und Therapieangebote massiv gestärkt werden.”
In dieser Stufe müssen zudem durch die Unternehmen intensivste Anstrengungen unternommen werden, um Arbeitsplätze auf eine infektionssichere Rückkehr der Arbeiter*innen vorzubereiten.

Die sogenannte Grüne Stufe ab einem Inzidenzdwert unter 5 steht für die ZeroCovid-Kampagne unter dem Vorzeichen “Runter auf Null und Prävention künftiger Pandemien”. Gizem Fesli bemerkt dazu: “In der Grünen Stufe ist das Ziel, die Infektionen dauerhaft auf Null zu drücken. Unternehmen, die auf Basis umzusetzender Hygiene-Konzepte wieder öffnen, werden regelmäßig unangekündigt durch den Arbeitsschutz kontrolliert. Alle Unternehmen, die die Hygiene-Regeln nicht beachten, werden stillgelegt. Zudem müssen drastische Schritte zur Prävention weiterer Pandemien initiiert werden. Wir müssen die extensive Landwirtschaft und industrielle Massentierhaltung stoppen und die Treibhausgasemissionen massiv reduzieren. Es gilt Naturzerstörung und Klimakrise konsequent zu bekämpfen, um ein Zeitalter der Pandemien zu verhindern. Auch Früherkennungssysteme und vorausschauende Forschungsfinanzierung sind entscheidend, um zukünftige Pandemien rechtzeitig zu verhindern. “

Flankiert werden alle Stufen von deutlichen sozialpolitischen Maßnahmen, etwa der Anhebung des Kurzarbeitergeldes auf 100 Prozent, des sofortigen Kündigungsschutz für Arbeiter*innen sowie eines Mietenstopps, der Aussetzung von Zwangsräumung sowie von Abschiebungen. Im Bildungsbereich sollen ungenutzte Räume von Unternehmen in Lernräume umgewidmet werden, um kurzfristig mehr Platz zu schaffen. Zur Finanzierung der Maßnahmen sollen Sonderabgaben auf Unternehmensgewinne und sehr hohe Vermögen erhoben werden.

Den Aufruf der Kampagne #ZeroCovid haben mittlerweile mehr als 100.000 Menschen unterschrieben. Der vorgelegte Stufenplan formuliert Maßnahmen für alle drei Stufen in jeweils 5 Handlungsfeldern (Wirtschaft/Soziales, Bildung, Gesundheit, Wohnen, Freizeit/Einzelhandel) aus.

#Schichtgeschichten 12 #CovidAtWork – Einzelhandel

Auch wenn dieser Tage viel über mögliche Lockerungen und drohende Geschäftsschließungen im Einzelhandel berichtet wird, möchten wir den Blick auf etwas anderes richten, nämlich auf die Arbeitsbedingungen im Einzelhandel während der Pandemie. Wir haben viele #CovidAtWork Berichte aus dem Einzelhandel zugesandt bekommen. Ähnlich wie in den Schulen fühlen sich die Angestellten nicht geschützt bei der Arbeit. Ein Angestellter einer Baumarkt-Kette berichtet sogar von mehreren bekannten Infektionen mit schweren Verläufen am Arbeitsplatz:

Ich arbeite für eine große Baumarkt-Kette. Meine Erfahrung mit dem Covid-Jahr auf Arbeit: Abstände werden weder von KundInnen, noch von KollegInnen eingehalten. OP-Masken (billig-Import) gibt’s eine pro 8-Stunden-Schicht, manche MitarbeiterInnen tragen aber auch tagelang dieselbe. Desinfektionsmittelspender werden zu einem Drittel mit Reinigungsbenzin gestreckt, aus Kostengründen. Aber halb so schlimm, das Desinfektionsmittel selbst ist ohnehin nicht gegen Coronaviren geeignet, sondern wirkt antibakteriell. Kontaktflächen werden nur auf Eigeninitiative desinfiziert. Das Ergebnis: 20 Personen in Quarantäne, 5 positiv, 3 schwere Verläufe, 1 Verlauf mit massiven, bleibenden Nierenschäden. Dafür 2020 den besten Umsatz seit Jahren.

Die Chefs aus diesem Bericht wähnen sich mit ihrem Baustoffhandel in einer Grauzone. Das bedeutet anscheinend vor allem, dass sie meinen, ihre Angestellten mehr Gefahren aussetzen zu können:

Ich arbeite bei dem größten Baustoffhändler hier bei uns im Kreis. Von Anfang an wurde uns von der Geschäftsleitung erzählt, dass wir in einer “Grauzone” arbeiten würden. Masken müssten wir nicht tragen. Kunden ebenso wenig. Mittlerweile sind Masken im Alltag angekommen. Die Chefs inkl. Juniorchefs tragen sie aber weiterhin nicht. Wie man vielleicht mitbekommen hat, ist der Ansturm auf Baumärkte und Baufachmärkte im ersten Lockdown riesig gewesen. Im zweiten wurde daher der Eintritt für Privatkunden untersagt. Dies wird von der Geschäftsleitung erneut bewusst ignoriert. Privatkunden wird heimlich erzählt, dass es ja “Hintertürchen und Grauzonen” gebe. Während viele Mitarbeiter blind alles befolgen was die Chefs sagen hat man als Mitarbeiter, der sich an die Regeln halten will, keine Chance. Der Tenor lautet “Wenn der Chef das sagt muss es gemacht werden”. Während andere Menschen also um Ihre Arbeitsplätze und Zukünfte bangen, scheffeln unsere Chefs weiter Geld, weil Sie meinen “in einer Grauzone” arbeiten zu müssen.

Auch in den Supermärkten, den angeschlossenen Lagern und Lieferdiensten wird am Schutz der Angestellten gespart:

Ich arbeite in einem Bio-Supermarkt. Wir müssen die Kundschaft ohne Op-Maske/FFP2Maske des Geschäfts verweisen. Wir selber sollen aber keine FFP2 Masken tragen, da wir sonst zu häufig Pause machen müssten. Manche tragen also weiterhin Stoffmasken, wenn sie im Geschäft Regale einräumen. Im Pausenbereich und im Büro der Filialleitung sitzen weiterhin alle ohne Maske miteinander. Früh vor Arbeitsbeginn trägt fast niemand bei der Warenverräumung eine Maske. Die Abstände werden dabei auch nicht eingehalten.

Ich arbeite in einem Großlager für verschiedene Supermärkte in der Nähe von Osnabrück. Es gibt zwar offiziell Maskenpflicht, aber auch nur in den Fluren zu den Spinden und zum Aufenthaltsraum, aber daran hält sich auch nur ungefähr 2/3 der Kollegen. Im Lager selbst muss keine Maske getragen werden, angeblich weil die Deckenhöhe ausreichen würde damit die Tröpfchen sich verteilen…
Abstand wird auch nicht eingehalten, ich merke unter den Kollegen leider keinen Unterschied zu vor der Pandemie. Es wird sich die Hand gegeben, sogar teilweise umarmt. Es ist schon sehr deprimierend, wenn man sich privat versucht zu schützen und dann mit solchen Kollegen zusammenarbeiten muss.

Ich arbeite bei einer großen Supermarktkette als Lebensmittellieferant. Jeden Tag fahren wir über ein dutzend Kunden an. Firmen und Privatpersonen. Die Firmen verlangen, dass wir ihre Lebensmittel bis in die Gemeinschaftsräume bzw. – küchen bringen. Oft sitzen da bereits viel zu viele Angestellte in nicht belüfteteten, viel zu kleinen Räumen zusammen. Über 90% der Kunden tragen keine Maske, wenn ich ihnen die Lebensmittel bringe. Immer wieder werde ich von alten, oder körperlich beeinträchtigen Menschen dazu aufgefordert ihre Privaträume zu betreten, um ihnen die Lebensmittel in die Küche o.ä. zu stellen. Ich trage dabei immer Maske (FFP2), oder verweigere mich auch schon mal. Viele meiner Kollegen machen das nicht. Manche tragen gar keine Maske. Desinfektionsmittel im Auto gibt es häufig nicht. Masken werden einem lose und unverpackt ausgehändigt. Von einer Desinfektion der Fahrzeuge ganz zu schweigen. Das Lager ist so klein, dass sich die Angestellten gegenseitig auf die Füße treten. Niemand trägt dort eine Maske und es ist nicht möglich sich hier aus dem Weg zu gehen, oder den Mindestabstand einzuhalten. Der Großteil meiner Kolleg:innen ist sich der Gefahren bewusst. Statt sich zu wehren, haben sie sich stattdessen entschieden sie zu ignorieren und handeln auch aus Trotz dabei sehr risikoreich und nachlässig. Hinweise auf’s Masketragen werden weggelacht und nicht ernst genommen. Nach außen hin wirkt es, als hätte die Supermarktkette ein Hygeniekonzept und würde sich an die gesetzlichen Vorgaben halten. Die Realität sieht leider anders aus. Kontrollen über die Einhaltung der Vorgaben gibt es nicht. Es herrscht das Motto vor: was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Ich habe jeden Tag Angst mich anzustecken. Es grenzt an ein Wunder, dass es bisher keine mir bekannten Infektionen im Betrieb gab.

Ähnlich schlecht mit dem Arbeitsschutz sieht es bei Optikern, im Buchhandel und bei anderen Handelsunternehmen aus. Es gilt wohl: Geld verdienen ist wichtiger, als Menschen zu schützen. Dagegen könnte ein solidarischer Lockdown helfen, bei dem für einige Wochen alle nicht systemrelevante Betriebe geschlossen werden, um die Zahlen auf 0 zu drücken, wie wir als #ZeroCovid Kampagne es vorschlagen.

Ich arbeite für eine große Optikerkette. Hier gilt anscheinend ausschließlich Profit over People. Während im ersten Lockdown nur Notverkäufe zugelassen waren, darf jetzt alles verkauft werden und wird es auch (die anderen Geschäfte sind ja zu). Wir können berufsbedingt Sicherheitsabstände nicht einhalten. Unser Arbeitgeber ergreift nur die Schutzmaßnahmen, die gesetzlich vorgeschrieben sind. Außerdem haben wir mit Menschen zu tun, die es nicht verstehen, dass auch beim Anprobieren die Maske auf bleiben muss, geschweige denn mit den Leuten die sich falsche Atteste ausstellen lassen. Beim Impfen sind wir in Gruppe 3 dran, obwohl auch wir zum Gesundheitswesen gehören (daher dürfen wir ja offen bleiben). Das dies alles auch eine große psychische Belastung darstellt, wird vom Arbeitgeber komplett ignoriert.

Ich arbeite in einer Buchhandlung und bin als Azubi nicht in der Kurzarbeit, also arbeite trotzdem jede Woche Vollzeit. Jeden Tag habe ich ungewollt Kontakt mit mehreren hundert Menschen, die sich oft nicht an die Masken- oder Abstandsregeln halten, und muss sie darauf hinweisen und mir dann irgendwelche dummen Sprüche anhören. Einige fangen sogar an zu beleidigen und es kommen viele Leute, die einfach Langeweile haben oder frustriert sind und lassen es an uns aus.Es ist viel anstrengender unter diesen Bedingungen zu arbeiten und niemand versteht das. Jeden Tag darf man sich anhören, wie toll das ist, dass wir weiterhin geöffnet sind. Man hört aber kein: “Wie blöd, dass Sie Corona ausgesetzt sind hier.” Ich verstehe jeden Tag die Welt etwas weniger.

Mein Vater (Ü60 und Asthmatiker) arbeitet in einem Handelsunternehmen mit mehreren hundert Filialen deutschlandweit. Als Bereichsleiter hat er normalerweise sein Büro in der Zentrale und ist für Schulungen und Messeauftritte unterwegs, aber diese finden ja seit einem Jahr (mit Ausnahmen im Spätsommer) nicht statt. Letzten Frühling war er teilweise in Kurzarbeit und hat in einer Filiale ausgeholfen. Seit Dezember werden er und seine direkten Kollegen nun wöchentlich in unterschiedliche Filialen geschickt um dort zu unterstützen. Das heißt, dass diese 5-6 Mitarbeiter*Innen jede Woche Kontakte mit zahllosen unterschiedlichen Kolleg*innen und Kund*innen haben (müssen) und die Geschäftsleitung da überhaupt kein Problem drin sieht 😡

Wir als #ZeroCovid Kampagne sind entsetzt über diese Zustände und sehen Lockerungen im Einzelhandel sehr kritisch. Die dokumentierten Berichte zeigen eindeutig die Mängel beim Infektions- und Arbeitsschutz im Einzelhandel. Wir denken, dass es keine gute Idee ist, noch mehr Angestellte diesen Gefahren auszusetzen. Die neuen Mutationen machen diese Situation zudem noch unberechenbarer und gefährlicher. Setzt euch mit uns ein für eine solidarische Pause! Lasst uns die dritte Welle stoppen!

Leben, Tod und Corona

Beitrag von Roland Steixner, Unterstützer der Kampagne #ZeroCovid

Die Pandemie hat eine Frage aufgeworfen, die in der Gesellschaft in dieser Form normalerweise nicht explizit und dieser Totalität diskutiert wird: die Frage, welches Sterberisiko sie hinzunehmen bereit ist. Es handelt sich um die Frage, wie wir leben und wie wir sterben wollen.

Sterbestatistiken spielten in der gesellschaftlichen Debatte noch nie eine so große Rolle wie jetzt. Kaum jemals bestand ein dermaßen breites Interesse am Ausmaß der intensivmedizinischen Kapazitäten. Es finden muntere Vergleiche unterschiedlicher Todesursachen statt. Die saisonale Grippe, Krebs, Alkohol, Rauchen, Krankenhauskeime, Verkehrsunfälle, Suizide und andere Todesursachen kommen ins Spiel. Nach über einem Jahr Covid-19-Pandemie ist die Datenlage in einer Hinsicht eindeutig: Im Ranking der Todesursachen ist die neue Krankheit ganz vorne mit dabei. Mit über 2,4 Millionen Opfern seit Beginn der Pandemie errang sie weltweit den traurigen Spitzenplatz unter den Infektionskrankheiten. Wenn sich SARS-CoV-2 uneingeschränkt ausbreitet, dann können binnen eines Monats mehr Menschen sterben als sonst in einem ganzen Jahr. Das hat die Untersuchung der Sterbestatistik der italienischen Ortschaft Nembro glasklar belegt. Das Virus wäre bei ungehemmter Ausbreitung also weitaus tödlicher als es derzeit erscheint und würde auch gut ausgestattete Gesundheitssysteme überrennen und ganze Volkswirtschaften ins Chaos stürzen.

Die herrschende Klasse musste handeln, um diesen Zustand um jeden Preis zu vermeiden. Denn ein Herrschaftssystem verfügt nur über eine Legitimation, solange es den Tod in einem gesellschaftlich akzeptablen Maße einhegt. Versagt es darin, dann gerät seine Macht ins Wanken. Dabei ist der Raum, den der Tod in der Gesellschaft nimmt, von den Umständen und Möglichkeiten abhängig, die dieser zur Verfügung stehen. Es ist das Verdienst der modernen Medizin, dass sie diese Rahmenbedingungen deutlich verschoben hat. Noch nie verfügte eine Gesellschaft über eine derartig umfassende Möglichkeiten, um Krankheiten zu heilen und ihre Verbreitung zu behindern. Innerhalb eines Jahrhunderts sind diese Möglichkeiten deutlich gestiegen. Während es früher als eine traurige Normalität galt, dass Kinder schon im Säuglingsalter verstarben, während ganze Familien an Pocken oder Tuberkulose starben, ist es heute nicht selten der Fall, dass Großeltern ihre Enkelkinder aufwachsen sehen und sogar noch ihre Urenkel kennenlernen können. Der Rahmen hat sich verschoben. Die Menschen leben im Schnitt länger, aber dafür werden weniger Kinder geboren. Geburten und Todesfälle werden seltener und kommen in ein neues Gleichgewicht.

„Den Tod kann man nicht aufhalten.“ Das war das erste Raunen, das im Frühjahr 2020 auch in linksalternativen Kreisen um sich griff und das sich allmählich zur Querdenkerbewegung auswuchs. Dieses Statement erscheint auf den ersten Blick plausibel, da der Mensch nun einmal sterblich ist. Doch dieser Satz verdeckt die Art und Weise, wie uns der Tod begegnen kann. Es macht eben einen Unterschied, ob man eines Tages im hohen Alter unerwartet oder selbstbestimmt aus dem Leben scheidet oder ob man von einer schrecklichen Krankheit dahingerafft wird oder gewaltsam aus dem Leben scheidet. Dieser Satz lebt von seiner Abstraktheit und ist dadurch zugleich wahr und falsch. Denn sobald wir „den Tod“ durch „die Pocken“, „die Pest“ oder durch „Mord“ ersetzen, entpuppt er sich als gewaltige Lüge. Denn die konkreten Todesursachen sind vermeidbar. Die Pocken wurden überwunden, Polio konnte weitgehend zurückgedrängt werden, an Tetanus und Diphtherie müsste niemand mehr sterben, auch AIDS hat als Krankheit ihren Schrecken für diejenigen eingebüßt, die Zugang zu den passenden Medikamenten haben. Wenn Verbrechen und Kriege nicht zu verhindern wären, könnten wir uns Polizei, Gewaltschutz und internationale Diplomatie sparen (wie unzureichend diesbezüglich die Bestrebungen auch sein mögen).

Wenn etwa der Querdenker Samuel Eckert darauf verweist, dass in den letzten Jahrzehnten die altersbereinigten Sterberaten stets gesunken sind und sogar jetzt trotz Pandemie im Verhältnis früheren Maßstäben niedrig sind, mag das stimmen. Aber was heißt das schon? Wollen wir in eine Gesellschaft zurück, in der mehr Sterbefälle als „unvermeidbar“ akzeptiert werden? Gerade diese Nichtakzeptanz einer dermaßen hohen Sterblichkeit ist ein Zeichen des gesellschaftlichen Fortschritts, in dem das Leben einzelner einen wesentlich größeren Raum und eine wesentlich längere Zeitspanne einnehmen können als früher. Und nur innerhalb dieser Zeitspanne lässt sich auch die Freiheit, die die Querdenker*innen vorgeben zu verteidigen, überhaupt verwirklichen.

Geburt und Tod im Schnelldurchlauf wie in der „guten alten Zeit“ ist das Programm der Lobbyist*innen für eine höhere Sterblichkeit, deren Speerspitze die Querdenker*innen sind. Doch das Netzwerk ist breiter. Das Kapital nimmt dazu eine widersprüchliche Haltung ein, die vielfach jedoch von Pragmatismus geprägt ist. Der Malthusianismus des American Institute of Economic Research, das federführend bei der Entstehung der Great Barrington-Erklärung war, findet breiten Anklang in marktradikalen Kreisen. Da das Virus jedoch auch unter der arbeitenden Bevölkerung Schaden anrichtet, unterstützen einzelne Fraktionen des Kapitals auch das humanistische Bürgertum.

Die Rhetorik gegen das System, die von Seiten der Querdenker*innen genutzt wird, bedient die Interessen des Kapitals, auch dann wenn sie sich „antikapitalistisch“ gibt. Denn je passiver, zerstrittener und verunsicherter die Menschen, sind, desto einfacher lassen sie sich manipulieren. Mit Themen wie „häusliche Gewalt“ und „Recht auf Bildung“ gehen ausgerechnet jene hausieren, die sich bisher noch nie dafür interessiert haben. Auch manche bisherige Linke stimmen in diese Kakophonie mit ein und hängen an den Lippen von Wolfgang Wodarg und Sucharit Bhakdi. Und die „Erwachten“ fühlen sich überlegen, weil sie auf den „Viruswahn“ nicht hereingefallen seien.

Die Linke als Erbin der Aufkärung steht in der aktuellen Krise vor der Herausforderung, sich darüber klar zu werden, wie sie nicht nur mit dieser, sondern auch mit künftigen Pandemien umgehen will. Die Forderung nach einer sozialen Abfederung der von der jeweiligen Kapitalfraktion favorisierten Strategie ist zu wenig. Vielmehr ist eine ZeroCovid-Strategie in Kombination mit einer raschen Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten, die allen kostenlos zugänglich gemacht werden, der beste und humanste Weg, der sowohl meisten Menschenleben rettet als auch mittelfristig die größten Freiheiten verspricht, bis Impfstoffe und Medikamente vorhanden sind. ZeroCovid ist ein Anstoß, um globale Lösungsvorschläge für globale Probleme zu entwickeln, diese zur Diskussion zu stellen und auf die bestehenden Verhältnisse dahingehend einzuwirken, um sie zu ändern.

#Schichtgeschichten 11 #CovidAtWork – Kitas und Schulen

Heute veröffentlichen wir #CovidAtWork Berichte aus Kitas und Schulen. Leider zeichnet sich mit den Schulöffnungen und der beginnenden dritten Welle eine ungute Entwicklung der Pandemielage ab. In den Berichten, die uns in den letzten Wochen erreicht haben, erzählen unsere Unterstützer:innen von fehlenden Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung in den Kitas und Schulen. Viele schreiben, dass sie sich am Arbeits- oder Ausbildungsort nicht ausreichend geschützt fühlen. Ein Zitat eines Erziehers fasst die schwierige Lage gut zusammen: “Ich mache den Eltern keinen Vorwurf, dass sie ihre Kinder bringen, nur ein solidarischer Lockdown würde ermöglichen, dass wir alle zuhause bleiben ohne uns und andere in Gefahr zu bringen. Und die Kinder von medizinischem Fachpersonal würde ich selbstverständlich gerne beaufsichtigen.” Wir dokumentieren die Berichte unten in voller Länge, den Anfang machen die Geschichten aus der Kinderbetreuung.

Bericht einer Erzieherin aus Berlin: Bei uns ist es mittlerweile gang und gäbe, dass ein positiv getestetes Kind keinerlei Konsequenzen für unsere Einrichtungen nach sich zieht, solange schon über 48h seines letzten Besuchs zurückliegen! Keine Ahnung wer sich das ausgedacht hat! Hatten schon mehrere Fälle – positive Kinder–, wo wir Montag morgen erfahren haben, dass Kind X positiv (so auch Mutter, Schwester etc.) ist, aber da es die Woche davor Donnerstag oder Freitag zuletzt da war, ist rein gar nichts passiert. Aufgrund dieses Vorgehens des Gesundheitsamtes haben sich schon zwei Kolleginnen eine Corona-Infektion eingefangen. Witzigerweise wurden wir, als dann Erzieher positiv waren, in Quarantäne gesteckt… Des weiteren gab es auch schon Fälle bei uns, in denen Familienmitglieder der Kinder positiv getestet wurden, die Kinder auch Symptome entwickelten, aber nicht getestet, sondern direkt in Quarantäne gesteckt wurden, damit dann nämlich nix in irgendwelche Statistiken einfließen kann, die wohlmöglich noch mehr bestätigen würden, dass es sehr wohl und jede Menge Infektionen unter den Kindern gibt, die sich so natürlich auch nicht mehr nachvollziehen lassen können.

Ich möchte euch auch gern teilhaben lassen: Ich arbeite in einer Kita, aktuell sind 70 von 107 Kindern da. Dazu kommen 21 Kolleg*innen. Die U2 Gruppe wurde letzte Woche geschlossen, weil eine Kollegin positiv ist. Alle Kinder aus der Gruppe sind in Quarantäne. Ihre Geschwisterkinder aus anderen Gruppen werden weiterhin gebracht.

Ich bin Erzieher in einer Kita. Während in den Medien so getan wird, als hätten wir geschlossen, bzw. wären im Notbetrieb, haben wir regulär geöffnet. Von 75 Kindern kommen aktuell 60. Diese verteilen sich auf 4 Gruppen. Kinder und Personal der jeweiligen Gruppen sollen sich nicht überschneiden, aber benutzen die gleichen Garderoben. Eltern und Kinder treffen sich in ihrer Freizeit gruppenübergreifend zum Spielen. OP- und FFP2-Masken wurden erst nach mehrfachem Nachfragen gestellt. Im Gespräch mit der Leitung wurde mir gesagt, wie wichtig es für Kinder ist, dass sie auch Gestik und Mimik von Erzieher*innen sehen und dass meine Angst übertrieben wäre und zu hoffen bleibt, dass sich das nicht auf Kinder und Kolleg*innen abfärbt. 
Dabei tue ich nicht mehr als das, was das Gesundheitsamt empfiehlt: Ich trage FFP2-Maske (Atempausen mit Abstand sind nicht möglich und werden nicht ermöglicht, weil das Tragen auf Freiwilligkeit beruht), lüfte regelmäßig und desinfiziere nach dem Essen die Tische…
Ich mache den Eltern keinen Vorwurf, dass sie ihre Kinder bringen, nur ein solidarischer Lockdown würde ermöglichen, dass wir alle zuhause bleiben ohne uns und andere in Gefahr zu bringen. Und die Kinder von medizinischem Fachpersonal würde ich selbstverständlich gerne beaufsichtigen.

Bericht einer Mitarbeiterin einer Kinderbetreuung: Alle freuen sich über die Öffnung der Schulen. Alle? Eine kleine Berufsgruppe mit viel Verantwortung vielleicht etwas weniger. Als ArbeitnehmerInnen einer Kinderbetreuungseinrichtung in einer österreichischen Stadt, werden die über 400 MitarbeiterInnen trotz Öffnung der Schulen in Kurzarbeit geschickt. Zu verlockend sind die Förderungen, die für die Kurzarbeit ausgeschüttet werden. 
Bedingt durch die Kurzarbeit leidet sowohl die Sicherheit als auch die Qualität der Nachmittagsbetreuung. Am Nachmittag gelten die Hygieneregeln des Vormittags nicht mehr. Kinder verbleiben nicht im Klassenverband, es wird gemischt und verteilt, um ja die Höchstzahl von 25 Kindern pro Gruppe und BetreuerIn zu erreichen. Abstandsregeln? Negativ! Kontaktminimierung? Negativ!
Die Schule ein sicherer Ort? Am Vormittag mag das stimmen, am Nachmittag stimmt es definitiv nicht!

Ich arbeite als Tagesmutter von Zuhause aus. Meine Tochter geht eigentlich in die zweite Klasse, meine andere Tochter ist zwei. Beide betreue ich momentan zuhause.Aktuell betreue ich vier fremde Kinder. Ein Elternteil ist in Elternzeit zuhause und die anderen, da arbeitet ein Elternteil immer im Homeoffice. Ich könnte eine Maske tragen und meine 7-Jährige auch, aber die 2-Jährige? Ich bin wirklich sehr enttäuscht über den Schutz der Erzieher.

Ich arbeite in einer Kita. Natürlich geben sich die meisten Mühe. Trotzdem erlebe ich immer wieder Eltern, die ihre Masken abziehen um sich von den Kindern zu verabschieden. Und keinen Abstand in der Mittagspause, weil es nur einen Raum gibt. Uns wird Abstand gepredigt, aber wo soll ich im Winter meine Pause machen? Am besten löse ich mich dafür in Luft auf.

In den Schulen sieht es leider nicht besser aus. Viele fühlen sich bei der Arbeit nicht geschützt oder sorgen sich um Schüler:innen und Kolleg:innen.

Lehrerin, schwanger. Der Amtsarzt empfiehlt ausdrücklich, dass ich weder mit Kindern und Jugendlichen noch irgendwie im Präsenzbetrieb eingesetzt werden soll. Die Schulleitung plant mich für Kleingruppen vor Ort sowie für Sekretariatsaufgaben ein. Viele Leute im kleinen Sekretariat und die eigentliche Sekretärin trägt selten Maske.

Ich arbeite als Erzieher in der Notbetreuung. Der Klassenraum, in dem ich derzeit arbeite, hat nicht ein einziges Fenster, das sich mehr als kippen lässt – ergo ist stoßlüften unmöglich. Dazu kommt, dass vielen Kolleg*innen offenbar nicht bewusst ist, dass Kipplüften nicht ausreicht und glauben, ihr subjektives Kältegefühl sei wichtiger als der Infektionsschutz. Daraus möchte ich gar keinen Vorwurf an die Kolleg*innen machen, sondern an eine komplett fehlende Unterweisung in den Infektionsschutz. Wir haben fast kein Flächendesinfektionsmittel, und wenn nur solches, das gegen Bakterien hilft – gleichzeitig sollen wir aber ständig alles desinfizieren, dass die Kinder angefasst haben. Dass ganze vor dem Hintergrund, dass Erzieher*innen zu den Berufsgruppen mit dem höchsten Infektionsrisikio gehören!
Achja: Die Kommune möchte außerdem die Zahl der Reinigungskräfte von derzeit 4 auf 3 kürzen. Kein Scherz.

Hallo ich habe auch eine Geschichte. Ich bin Lehrerin an einem SBBZ Lernen (früher Förderschule genannt) in Baden-Württemberg. Ich unterrichte in der Grundstufe (Kl. 1-4). Es geschah vor Weihnachten, Anfang Dezember. Nach der Mittagspause im Kochunterricht roch ich plötzlich nichts mehr. Am nächsten Morgen ließ ich mich zusammen mit meinem Mann testen. Wir waren positiv. 
Auch in dieser Situation wurde meiner Schulleitung von Vorgesetzten gesagt, dass die Kleinen ja nicht so ansteckend seien. Bis HEUTE haben wir keine FFP2 Masken. Also eine Zeit lang dachten wir, wir hätten welche, bis sich herausstellte dass das Schulamt uns unzertifizierte Masken schickte???!! Das war schon empörend, noch wütender wurde ich, als ich erfuhr dass die pseudosicheren Masken gar nicht für uns Grundschul-Lehrkräfte waren, sondern nur für die Sek1-Lehrkräfte waren. Denn die Kleinen sind ja nicht ansteckend! Meine Schulleitung versuchte vor Weihnachten verzweifelt eine Schulschließung zu erwirken, weil mehr und mehr Lehrkräfte und SchülerInnen infiziert waren und wir überhaupt nicht absehen konnten, wer am nächsten Tag dran ist. Die einzige Sorge des Schulamts waren Regressansprüche der Eltern. Niemals ging es um unsere Gesundheit!
Ich bin noch recht neu im Schuldienst und liebe meinen Job, niemals hätte ich gedacht, dass mein Arbeitgeber derartig auf mich scheißt (Entschuldigt die Ausdrucksweise).Ich hatte großes Glück, weil ich (und übrigens auch mein Mann, den ich angesteckt habe) wieder gesund sind. Von meinen Kolleginnen leiden zwei unter Langzeitfolgen, die eine riecht und schmeckt bis heute nichts, die andere leidet unter Schwächeanfällen und Herzrasen. Zum Glück sind Kinder ja nicht ansteckend. Danke Herr Kretschmann und Frau Eisenmann 😡

Ich arbeite als Förderschullehrerin in Baden-Württemberg. Hier sind die Förderschulen mit den Schwerpunkten Geistige und körperliche und motorische Entwicklung seit dem 11. Januar 2021 wieder geöffnet. In einer der letzteren arbeite ich. Wir haben keinen Wechselunterricht und da wir viele Helfer*innen in den Klassen haben, sind in meiner Klasse zum Beispiel zusätzlich zu meinen 6 Schüler*innen noch mindestens drei Erwachsene neben mir.
Viele unserer Schüler*innen gehören zur Risikogruppe. Von den 6 Schüler*innen meiner Klasse tragen vier eine Maske, zwei tolerieren keine Maske. Aber auch die vier, die eine Maske tragen, können sie nicht alle selbstständig anlegen, sondern brauchen Hilfe dabei, sodass wir ihnen nahe kommen müssen. Viel was wir mit den Schüler*innen machen passiert mit Handführung, wir geben Essen und machen Pflege. Wir können keinen Abstand halten.
Meine Kolleg*innen und ich müssen parallel zum Präsenzunterricht auch noch den Fernunterricht für die Kinder machen, die aktuell zuhause bleiben (ca 1/3 unserer Schülerinnen und Schüler). Jeden Tag treibt uns die Angst um, dass wir unsere Schüler*innen nicht ausreichend schützen können oder im schlimmsten Fall sogar für eine Übertragung verantwortlich sein könnten.
In meiner Klasse gab es in der letzten und in der vorletzten Woche einen Corona-Verdachtsfall. Da hatten wir Glück und es hat sich nicht bestätigt. In einer anderen Klasse aber gibt es gerade zwei positive Fälle. Wie lange haben wir noch Glück? Ich bin müde und mürbe.

Auch in den Berufsschulen sieht es nicht gut aus. Manche Schüler:innen wünschen sich Onlineunterricht statt Wechselunterrichts-Chaos. Aber es regt auch dazu an, diese Zustände verändern zu wollen, wie dieser Bericht zeigt:

Ich bin in der Ausbildung zum Chemielaboranten. Unsere Ausbildung findet im Blockunterricht statt. Heute hat mal wieder ein Block begonnen. Nachdem wir im November quasi Probanden für einen Testversuch waren, nämlich mit der kompletten Klasse (zweistellige Schüler-Anzahl) im Präsenzunterricht zu sitzen, dürfen wir jetzt Wechselunterricht kennenlernen. Das bedeutet, dass unsere Klasse in zwei Gruppen aufgeteilt wurde, jede hat abwechselnd Präsenz- und Onlineunterricht. Zusätzlich dazu sollen laut Schulhomepage beide Kleingruppen Mittwochs in Präsenz beschult werden, von der gleichen Lehrkraft aber in zwei verschiedenen Räumen. Allerdings haben wir heute widersprüchliche Angaben dazu bekommen. Auch wie der Onlineunterricht eigentlich ablaufen soll, wissen wir nicht: manche Lehrer:innen machen für jede Kleingruppe in Präsenz das gleiche, manche laden auf eine Plattform Aufgaben hoch und überprüfen zusätzlich die Anwesenheit zur Schulzeit, wiederum andere streamen den Unterricht live. Dass das technische Equipment in der ohnehin schon baufälligen Schule seit 10 Jahren nicht mehr modern ist, sollte klar sein. Dass nicht jeder Schüler einen von der Firma gestellten Laptop hat ebenfalls. Lüften bei den momentanen Temperaturen, konstant FFP2-Maske tragen, Lehrer:innen die schwurbeln und was von positiv sehen, drauf schei*en etc. erzählen und gestaffelte Pausen, die für große Unterrichtsunterbrechungen sorgen, setzen dem ganzen noch das i-Tüpfelchen auf. Um uns anständig auf unsere Abschlussprüfungen vorzubereiten brauchen wir keine intransparenten Unerrichtsmodellabenteuer, sondern #ZeroCovid. Onlineunterricht mit der ganzen Gruppe zu festen Zeiten funktioniert auch für Abschlussklassen und definitiv besser als sowas. Von dem kaum minimierten Infektionsrisiko an Schulen ganz zu schweigen. Auch die Lehrkräfte sind dadurch mehrbelastet und das hat sich heute schon nach insgesamt sechs Kalenderwochen schon gezeigt. Um dort etwas zu verbessern, möchte ich in meiner Gewerkschaftsjugend #ZeroCovid zum Thema machen.

Aufruf eines Vaters an die Eltern und das Schulpersonal

Uns erreichte aus unserem Unterstützer:innenkreis dieser Aufruf eines Vaters an die Eltern und das Schulpersonal, der unter anderem erklärt, warum die Kinder nun wieder in die Schulen gehen sollen, obwohl dort noch nicht einmal Lüftungsanlagen installiert wurden. Wir dokumentieren den Aufruf gerne:

Liebe Eltern, liebes Schulpersonal,

bereits am 22. Februar wird der Präsenzunterricht in der Schule wieder beginnen – mitten in der sogenannten zweiten (diese ist noch nicht vorüber) und kurz vor der dritten Welle, die dann vermutlich von einer nochmals ansteckenderen Mutation des Coronavirus ausgelöst werden wird. Während aber alle nicht notwendigen Zusammenkünfte von Menschen vermieden werden: das kulturelle Leben liegt komplett lahm, unsere Kontakte in der Freizeit sind auf ein Minimum reduziert, die meisten Geschäfte sind geschlossen, sollen unsere Kinder in Lehranstalten gehen, deren einziges Hygienekonzept Wechselunterricht, das Masketragen bloß außerhalb des Klassenzimmers und Händewaschen ist. Man stutzt: Geschäfte & Restaurants, die Lüftungsanalgen nachgerüstet haben, dürfen nicht öffnen, Altenheime und manche Arbeitsstelle haben verpflichtende Schnelltests für Besucher*innen eingeführt, aber Kinder, deren Hygieneverhalten – egal wie gut man sie belehrt hat – doch oft fragwürdig bleibt und die einen unbedarfteren körperlichen Kontakt pflegen als Erwachsene, sollen fast ganz ohne weitere Maßnahmen wieder zurück in den Schulbetrieb. Das Risiko einer Infektion mit Covid-19 und der neuen hierdurch ausgelösten Kinderkrankheit MIS-C, woran Kinder sterben können, so leichtfertig einzugehen, scheint offenbar billig. (Zwar ist die Todesrate von MIS-C äußerst gering – aber man will sich doch nicht darauf einlassen, den Tod auch einer geringen Zahl von Kindern, die eben keine Zahlen sondern Kinder sind, hinzunehmen.)  Welche Maßnahmen zur Eindämmung und daher Kontaktbeschränkungen der Pandemie als notwendig erscheinen, hängt offenbar an anderen Prioritäten als nur am Gesundheitsschutz.

Des Rätsels Lösung, welche Maßnahmen in dieser Gesellschaft notwendig sind und deshalb priorisiert werden, ist das Überleben der sogenannten gesellschaftlich unentbehrlichen Wirtschaftssektoren. Diese Einsicht führt zu der Erkenntnis, dass das Kindeswohl nur ein Beifang ganz anderer, für diese Gesellschaft wesentlicher Handlungsmaximen ist: Denn wirtschaftlich notwendig ist die Gesundheit unserer Kinder, wie aus der obigen Diskrepanz sichtbar, nur in geringem Maße. Auch die körperliche Unversehrtheit der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Hortnerinnen und Hortner, deren Impfung für August anberaumt ist (der Patentschutz verlangsamt die Produktion des Impfstoffs immens), scheint entbehrlich. Der Pflege- und Gesundheitsbetrieb bspw., der zu erheblichen Teilen privatwirtschaftlich organisiert ist und in dem an allen möglichen Ecken und Kanten gespart wurde, woraus sich letztlich auch die geringe Anzahl an Personal und Intensivbetten ableiten lässt, scheint ebenfalls nicht wirtschaftlich lebensnotwendig. Wirtschaftlich notwendig ist in diesem Sinne ebenso nicht die Grundversorgung mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln, denn einerseits müssen wir seit eh und je Schund essen und trinken, andererseits ist die Produktion von Lebensmitteln derart hoch, dass täglich Tonnen hiervon in gut verschlossenen Müllcontainern hinterm REWE landen – dort also, wo diese Abfallprodukte (Billigfleisch bspw.) sowieso hingehören. Wirtschaftlich notwendig sind also gerade nicht die Unternehmungen, die eine für alle erreichbare und gute Grundversorgung liefern, sondern vielmehr diejenigen Betriebe, die in hohem Maße profitabel wirtschaften. Dazu gehören in Deutschland etwa die Autoindustrie (1. Platz mit ca. 438 Milliarden Euro Umsatz), der Maschinenbau (2.) und die Elektrobranche (5.), aber auch die chemisch-pharmazeutische Industrie (3.) und die Lebensmittelindustrie (4. mit 185 Milliarden Euro Umsatz). Man sieht: der geringere Teil der Produktion fällt auf Branchen, die nötig sind (Medikamente & Lebensmittel), um gut durch die Pandemie zu kommen. Die Produktion ganz bestimmter Produkte zeigt auch: Der Profit hat relativ wenig damit zu tun, ob es uns und unseren Kindern gut geht, denn der Profit bezeichnet lediglich, ob etwas gekauft wird, und nicht, ob dieses etwas auch der Produktion wert war: Panzer mögen beispielsweise ein profitables Geschäft sein, sind aber der Produktion nicht wert. So sind auch Autos ein profitables Geschäft, aber ihre Produktion ist gerade nicht notwendig, wenn man zwischen diesen und der Gesundheit entscheiden muss. Maschinenteile kommen vor allem in der Industrie zum Einsatz – aber auch diese sind sicher nicht in dem Maße notwendig. Die Gastronomie hat gerade mal einen Umsatz von ca. 59 Milliarden Euro jährlich, ist also mickrig im Gegensatz zur Autoindustrie, weshalb aber klar wird, warum es so leicht fällt, dieser ein Betriebsverbot aufzuerlegen, obwohl bereits installierte Belüftungsanlagen diesen etwas sicherer gemacht haben. In vielen Fabrik- und Bürogebäuden werden solche Anlagen schmerzlich vermisst. Anstelle der Produktion von Kleinwagen, wäre jetzt wichtig, die Produktion von Lüftungsanlagen für Schulen und deren Montage, sowie die Produktion von Schnelltests, FFP2-Masken und allem, was nicht aus dem Gesichtspunkt des Profits, sondern aus dem unseres individuellen Lebens nötig erscheint. Es stellt sich gerade jedoch umgekehrt dar: Hygieneartikel sind notwendig, aber kein profitables Geschäft, entweder weil deren Produktionszentren nicht in Deutschland liegen, daher keinen Teil des Bruttoinlandsprodukts ausmachen, oder weil die gesamte Ausstattung von Lüftungsanlagen an allen Schulen in Deutschland insgesamt nicht den Profit bringen würden, den man benötigen würde, um das dadurch in der Staatskasse entstandene Defizit auszugleichen, dass in dieser zweifelsohne entstehen würde, da Schulen ja staatliche Betriebe sind.

Mit anderen Worten: Wenn unsere Kinder nun wieder in die Schule gehen sollen, dann wird diese Maßnahme nicht ergriffen, um ihre physische und psychische Gesundheit und die ihrer Angehörigen zu schützen (man kann nur raten, wie viele Kinder schon einen Elternteil durch Covid-19 verloren haben), sondern unsere Kinder müssen wieder und v.a. unter diesen absolut menschenunwürdigen Bedingung zur Schule gehen, weil ihre Eltern für den Profit in den „gesellschaftlich-lebenswichtigen“ Betrieben (nicht nur in Kurzarbeit) malochen sollen. Man sieht, Profit und Schutz des Menschenlebens fallen hier deutlich auseinander. Der Humanismus der Politiker und Politikerinnen, die das seelische und körperliche Leid unserer Kinder bejammern und deshalb Schulöffnungen fordern, mag subjektiv ehrlich sein, ist aber nicht der objektive Grund für die Rückkehr zum eingeschränkten Schulbetrieb – ansonsten wären die Schulen hygienisch auf den allerneusten Stand gebracht worden, ansonsten wären auch alle für ein halbwegs gutes Leben nicht nötigen Wirtschaftsunternehmen bereits geschlossen (mit einigen Entbehrungen freilich – aber die erleiden wir auch im Normalbetreib und ohne Pandemie).

Da wir diejenigen sind, die entweder aktuell im Betrieb oder im home office arbeiten, oder potentiell Arbeitende, also Arbeitssuchende sind, sind wir auch diejenigen, die diesen verrückten Verhältnissen etwas entgegensetzen können. Diesen Angelpunkt nimmt die Kampagne „ZeroCovid“ zum Anlass, sich zu organisieren und wenigstens einige Minimalforderungen durchzusetzen, wie etwa die Schließung von bestimmten Betrieben bei vollem Lohnausgleich, die kostenlose Bereitstellung von technischen Geräten für alle Kinder im Heimunterricht usw., wodurch bspw. das Aufwachsen unserer Kinder in der Freizeit immens erleichtert würde, weil wieder mehr Kontakt in der Freizeit möglich wäre. Hier wird versucht Druck an allen Hebeln dieser Gesellschaft aufzubauen, und das heißt vor allem in der Wirtschaft. Bei „ZeroCovid“ kämpfen gemeinsam Eltern, Angestellte der Schule, Gewerkschaften, Wissenschaftler, Arbeitslos usw. für bessere Bedingungen in allen möglichen Lebensbereichen. Ich rufe euch deshalb auf, für unser aller Gesundheit in eine gemeinsame Diskussion zu kommen. 

Leitet diesen Brief gerne an alle Eltern, Lehrer und Lehrerinnen sowie Hortner und Hortnerinnen weiter. 

Mit solidarischen Grüßen!

#Schichtgeschichten 10 #CovidAtWork

Einige unserer Unterstützer:innen berichten uns anonym unter dem Hashtag #CovidAtWork von den Erfahrungen vom Arbeiten unter COVID-Bedingungen. Heute veröffentlichen wir Berichte von Menschen die im Büro arbeiten, aus Agenturen und aus dem Kulturbereich.

Meine Erfahrung: Ich bin seit knapp einem Jahr im Home Office, war aber neulich meinen Schlüssel für den shared workspace an einen Kollegen abgeben und habe ihn im Büro getroffen. Kein Desinfektionsmittel, keine Masken, kein Abstand, keine frische Luft, alle vor Ort. Schon vor Covid waren Händewaschen und Lüften dort nicht an der Tagesordnung, aber das hat mich wirklich hoffnungslos gemacht. Ich glaube, in sehr vielen Büros sieht es kein bisschen anders aus.

Ich arbeite in einer Agentur für Digitalisierung – und habe kein Homeoffice. Unsere Mitarbeiter reisen aus allen Ecken NRWs an, natürlich mit der Bahn. Maskenpflicht im Büro – ist nicht. Ich wechsel während des gesamten Tages vielleicht 3 Worte mit unseren Mitarbeitern face-to-face, größtenteils schreiben wir uns, Sprachbarriere. Chef findet es okay, wenn wir uns zu fünft einen 10qm-Raum teilen, er sehe das nicht so kritisch. Er findet es auch nicht schlimm, dass Kunden anderer Unternehmen in unserem Flur stehen, ohne Maske, er fühle sich nicht betroffen. Die Putzfrau kommt 2x die Woche und wischt mit nur einem Lappen durch unzählige Büros. Ich frage ihn auf Bitte aller Mitarbeiter zum x-ten Mal, “warum sind wir immer noch nicht im Homeoffice?!” – ich solle rational denken, die Firma könne es sich nicht erlauben alle ins Homeoffice zu schicken. Aha. Warum? Die Produktivität sei nicht gegeben. Aha. Ich wiederhole: wir programmieren, wir DiGiTaLiSiErEn. Dann fahr ich halt jeden Tag mit Bauchschmerzen Bahn, weil ich zur super special “Risikogruppe” gehöre, laut Arzt. Chef sagt aber “Quatsch”. Alles klar. Von der Bahnstation zur Arbeit seh ich, wie Woche zur Woche die Metadon-Schlange vorm Gesundheitsamt länger wird, weil das Hero nicht mehr in die Stadt kommt. Spritzen werden in Pfützen gereinigt und Obdachlose betteln verzweifelt auf Knien, weil NICHTS mehr geht. Fuck. Ich steppe mit noch mehr Bauchweh ins Büro, desinfiziere erstmal Klinken, mein Chef kommt nach ner angenehmen SUV-Fahrt rein: “Und, was hast du dir zum Black Friday gegönnt?

Leider gibt es Chef*innen, die Coronaleugner*innen sind. Das macht es für die Angestellten in der Pandemie noch schwerer.

Ich wollte einfach mal ganz kurz berichten, wie es mir als Designerin während der Pandemie geht.In meinem Betrieb wäre Home Office ohne Probleme möglich, jedoch ist mein Chef Corona-Leugner und möchte keine, wie er sagt „finanziellen Einbußen“ durch Home Office machen. Daher wird sich nicht an die Verordnung gehalten. Masken werden auch getragen, wie man gerade lustig ist. Lüften nicht immer möglich.Mir sind die Hände gebunden. Würde ich unter dem genannten Hashtag öffentlich berichten, würde ich meinen Job riskieren. Würde ich meinen Arbeitgeber melden ebenfalls.
Auch das sind Erfahrungen, die Arbeitnehmer*innen gerade machen müssen.

Auch gegenüber Angehörigen der Risikogruppe wird nicht mehr Rücksicht genommen:

Es macht mich immer noch sprachlos, da ich im Kulturbereich in einem Unternehmen tätig bin, in der sich am laufenden Band über die „Restriktionen” der Regierung beschwert und die Pandemie verharmlost oder gar ignoriert wird. Ich selbst gehöre zur Risikogruppe, was bei mir im Unternehmen alle wissen. Trotzdem gilt Anwesenheitspflicht an bestimmten Tagen der Woche. An einem fixen Tag sollen alle Mitarbeiterinnen zusammenkommen. Online-Meetings hält man für nicht zielführend. Während der Meetings hält sich niemand an die Hygienemaßnahmen – beim Betreten morgens kein Lüften, kein Händewaschen, kein Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Es werden Mitarbeiterinnengeburtstage gefeiert als gäbe es gar keine Pandemie. In einemungelüfteten Raum saßen wir mit knapp 10 Personen dicht an dicht für 1 Stunde beisammen. Auch bei Mitarbeiterbesprechungen werden die Abstandsregeln missachtet. Der Hinweis, dass man das nicht möchte, wird kontinuierlich überhört und dem Wunsch nach Homeoffice einfach nicht nachgekommen. Zudem bin ich auf den ÖPNV angewiesen, den ich zur Hauptstoßzeit nutzen muss, um ins Büro zu kommen.
Mir ist schleierhaft, dass man seit fast einem Jahr die aktuelle pandemische Situation schlichtweg als Arbeitgeber ignoriert und Sonderregelungen für sich rausnimmt und seine Strukturen innerhalb des eigenen Unternehmens nicht anpassen möchte. Bis vor zwei Monaten wurde das Virus auch noch verharmlost und unter medialer Panikmache abgestempelt. Es sind also nicht nur die größeren wirtschaftlichen Unternehmen, sondern auch die kleineren, aus dem Kultursektor stammenden. Das frustriert mich am meisten, da nach außen hin den Kunden progressive und digitale Arbeitsformen gepredigt werden aber nach innen hin nichts von alledem umgesetzt wird.

Über das Nicht-reagieren der Chef*innen auf die pandemische Lage berichten auch verschiedene Leute aus Werbeagenturen:

Ich arbeite in einer kleinen Werbeagentur mit ca. 10 Mann. Leider wurde seit Beginn der Pandemie im März nicht ein einziges mal etwas offizielles diesbezüglich von der Geschäftsleitung kommuniziert. Die Mitarbeiter haben sich teilweise selbst in Homeoffice begeben. Teilweise auch nicht.
Im Sommer wurde dann wieder Präsenz erwartet.
Jetzt sind wir wieder (teilweise) im Homeoffice. Im Büro wird keine Maske getragen. Auch Besprechungen und sogar Kundentermine finden ohne jegliche Schutzmaßnahmen statt. Der verbliebene Teil der Mitarbeiter geht sich auch nicht gerade aus dem Weg.

Ich arbeite u.a. als freiberuflicher Grafiker in einer Werbeagentur. Auf einem Schreibtisch steht privat ein 50 ml Fläschchen Desinfektionsmittel. Von der Geschäftsführung kommt: Kein Abstand, keine Masken, kein Desinfektionsmittel, kein Lüften (huch, es ist kalt!). Also alles wie vor der Pandemie.

Danke für eure Zuschriften! Es macht uns als #ZeroCovid Kampagne Mut, dass ihr diese schlechten Arbeitsbedingungen nicht hinnehmen wollt und öffentlich macht. Wenn ihr uns Beiträge zusenden wollt, schreibt an zerocovid@gmx.net.

Offener Brief von Sabine Teng, Pressesprecherin der ZeroCovid-Kampagne an das Institut der deutschen Wirtschaft: Sie gehen über Leichen – Profit ist nicht wichtiger als Menschenleben! Treten Sie zurück, Herr Hüther!

Herr Hüther, als Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft sind Sie zum Thema Pandemie regelmäßig in den Medien. Nun haben Sie ein eigenes Konzept zum Umgang mit Corona vorgestellt. Was würden vernünftige Menschen fordern, wenn mehr als 60.000 Menschen eines Landes, weltweit mehr als 2 Millionen an einer vermeidbaren Krankheit gestorben sind? Klare Gegenmaßnahmen einleiten – innovative Konzepte, die das Sterben möglichst schnell und nachhaltig beenden. Was jedoch schlagen Sie als einer der führenden deutschen Wirtschafts-Vertreter vor? Sie plädieren nicht nur für ein “Weiter so” dieser gescheiterten Politik des “Flatten the curve”, sondern sogar für eine “neue Normalität”, in der zahllose weitere Tote aktiv in Kauf genommen werden. Dies entnehmen wir Ihren Sätzen: „Die vollständige Eliminierung des Virus wird in unserer offenen Gesellschaft nicht gelingen. Deshalb müssen wir ein gewisses Gesundheitsrisiko und leider auch eine gewisse Sterblichkeit hinnehmen, um dauerhaft zur Normalität zurückkehren zu können.“ (Quelle: https://www.welt.de/wirtschaft/article226501327/IW-Studie-Das-ist-die-Alternative-zu-No-Covid.html).  Bereits vor einigen Tagen hatten Sie Ihre menschen- und lebensfeindliche Haltung herausposaunt: „Es gibt keinen absoluten Lebensschutz” war damals Ihr Einwand gegen die #ZeroCovid-Kampagne (Quelle: https://www.wiwo.de/politik/deutschland/corona-strategie-zero-covid-und-no-covid-der-unterschied-zwischen-null-und-nichts/26856468.html). 

Herr Hüther, ich will keine voreiligen Urteile fällen. Vielleicht sind Sie kein radikaler Sozialdarwinist, und sicher wollen Sie keiner Eugenik das Wort reden. Sie leben aber offensichtlich in einer Gedankenwelt, in welcher der Profit der von Ihnen repräsentierten Unternehmenswelt Vorrang vor dem Leben derer hat, die ihn erarbeiten – oder die gerade nach langer Arbeitsbiografie ihre Rente genießen. Uns haben in den letzten Tagen unter #CovidAtWork viele Berichte aus der Arbeitswelt erreicht von Menschen, denen HomeOffice verweigert wird, denen bei Einfordern von Hygiene-Konzepten mit Kündigung gedroht wird, von Schwangeren, die entgegen ärztlichem Rat Präsenz-Lehre machen müssen, oder von Angehörigen von Risikogruppen, die im Großraum-Büro sitzen müssen (Quelle: https://zero-covid.org/pressemitteilung-vom-10-2-2021).

Um es klar zu sagen: Sie spucken diesen Menschen mit Ihren Aussagen ins Gesicht. All den Angestellten und Arbeiter*innen, die sich Tag für Tag für ihre Chefs großen Gesundheitsgefahren aussetzen. Die sich aufgrund schlechter Hygienemaßnahmen im Betrieb Corona-Infektionen mit schweren Folgeschäden, Nierenerkrankungen etwa, zugezogen haben. Oder die unter ständiger Ansteckungsangst leiden, weil sie nicht von Zuhause arbeiten dürfen. Sie spucken aber insbesondere denen ins Gesicht, die an Corona schwer erkrankt sind oder noch erkranken werden. Denen, die aktuell auf den Intensivstationen liegen. Den Millionen Verstorbenen weltweit. Und den Angehörigen und Freund*innen der Verstorbenen, die in tiefer Trauer um den Verlust dieser unwiederbringlich verlorenen Menschenleben sind.

Sie haben zynischerweise auf das hohe Alter der meisten Corona-Toten verwiesen. Offenbar sind Ihnen Menschenleben nur dann etwas wert, wenn Sie Wert schaffen – Wert und Profit für die deutschen Unternehmen. Sie gehen damit buchstäblich über Leichen! Profit ist aber nicht wichtiger als das menschliche Leben. Herr Hüther, ich fordere Sie auf: Beenden Sie Ihre menschenfeindliche Propaganda. Übernehmen Sie Verantwortung und treten Sie mit sofortiger Wirkung zurück! 

Mit freundlichen Grüßen,
Sabine Teng, Pressesprecherin bei der ZeroCovid-Kampagne 

Wieder hoffen können

Beitrag von Sebastian Schuller, Unterstützer der Kampagne #ZeroCovid

Hoffnung, so meinte der Philosoph Ernst Bloch sinngemäß, kann eine ungeheure, befreiende Kraft sein. Hoffnung bedeutet Träume zu haben, Vorstellungen einer Zukunft, Ideen von dem, was noch alles möglich sein könnte, die Überzeugung, dass alles ganz anders sein könnte. Es scheint, als wäre im ununterbrochenen lockdown-Regime diese Hoffnung auf das ganz Andere erstickt. 

Unser Leben wird reduziert auf den Bereich der Arbeit, der Produktion für die Gesellschaft: Wir müssen in die Arbeit gehen, Tag für Tag, um dann in unseren vier Wänden festgesetzt zu sein. Alles, was uns zuvor irgendwie ein bisschen Erleichterungen verschaffte, das Treffen mit Freund:innen, mit den Liebsten, Feiern gehen, Reisen, alles das ist unmöglich, wird gefährlich. Dauernder Stress setzt uns zu: Eingesperrt sein, die Mehrbelastung im Vollzeitjob vielleicht noch das homeschooling der Kinder begleiten zu müssen, die engen Wohnverhältnisse, die viele von uns kennen, und das Wissen um die tödliche Seuche, die nicht enden will. So werden wir getrieben von einem Ausnahmezustand zum nächsten. Die Regierenden verhängen immer neue repressive Maßnahmen, verkünden immer neue, noch härtere Maßnahmen, von denen wir alle bereits im Vorhinein wissen, dass sie die Seuche nicht stoppen werden. 

Ich glaube, was sich in dieser (politisch und medial verordneten) Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck bringt, ist eine Entwicklung, die es so schon lange gibt: Im neoliberalen kapitalistischen Staat wird die allgemeine Alternativlosigkeit des Bestehenden durchgesetzt. „There is no alternative“ sagte so Magret Thatcher – eine Aussage, die Angela Merkel wiederholt, wenn sie davon spricht, „marktkonforme Demokratie“ sei ohne Alternative. Die Menschen werden dem Markt angepasst, Politik wird zu einer bloßen Verwaltung von Daten, Statistiken, eine Dienstleistung, die das Funktionieren des Marktes garantieren soll. Und die Menschen? Diese werden als Nummern zur Frage einer effizienten Verwaltung. Nicht um ihr Wohlergehen und Glück ist es dem neoliberalen Staat getan, sondern darum, dass sie möglichst effizient in die Wirtschaftskreisläufe eingebunden sind.  An die Stelle der Freiheit und Hoffnung, tritt der Markt und die Arbeitspflicht. 

Wir haben so erlebt, wie Staat und Gesellschaft immer noch autoritärer und marktorientierter wurden: Nach Außen und innen betreibt der Staat eine radikale Politik der arbeitsfähigen Körper, bei der es darum geht, uns möglichst arbeitsfähig zu halten und die Kosten für alle, die nicht arbeiten können, zu kürzen, diese auszuschließen, in Heime zu stecken, und gerade noch so zu versorgen. Die Arbeit dehnt sich aus, wird zum alles beherrschenden Horizont unseres Lebens, und zum alleinigen Entscheidungskriterium der Politik. 

Diese Tendenz hat sich in den lockdowns radikalisiert: Nun dürfen wir tatsächlich nichts mehr. Nur noch arbeiten. Ja: Wir müssen, sagen uns freundliche Ökonomen, sogar in die Arbeit gehen, obwohl wir dadurch gefährdet werden uns mit Corona anzustecken. Vielleicht sterben wir an einer schrecklichen Seuche, aber Hauptsache Autos werden weiter produziert. Der Leitspruch dieser Politik, diesem extremistischen Neoliberalismus, scheint zu sein: „Zu arbeiten ist notwendig, zu leben nicht.“ Und dieses Motto setzt der Staat mit Repression in die Tat um. 

#ZeroCovid durchbricht diese gesellschaftliche Hoffnungslosigkeit. 

Die Forderungen von #ZeroCovid sind schnell erklärt: Es braucht einen gesamtgesellschaftlichen shutdown, um die Zahl der Neuansteckungen auf Null zu drücken. Die Arbeitsstätten, die nicht fürs gesellschaftliche Überleben notwendig sind, sollen einige Zeit schließen. Einkommensausfälle müssen durch Vermögensabgaben, durch die Reichen finanziert werden. Niemand darf zurückgelassen werden, Menschen in Massenunterkünften etwa müssen in menschenwürdige Wohnungen einquartiert werden. Das Patent auf den Impfstoff gegen Covid-19 muss fallen und das Gesundheitswesen wieder in kommunale oder staatliche Hand.  

Mit diesem Forderungskatalog greift #ZeroCovid gleich doppelt den herrschenden Status-quo, das Verwalten des Sterbens, an: Einerseits wird die Pflicht zur Arbeit in Frage gestellt. An die Stelle einer Pandemiebekämpfung, der es nur um den Erhalt von Arbeitskraft und wirtschaftlicher Leistung geht, setzt #ZeroCovid eine konkrete politische Idee, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Die Initiative zwingt durch ihre Intervention dazu, über eine Alternative zur gegenwärtigen Corona-Politik nachzudenken, in der es darum geht, Leben zu retten und gesellschaftliches Leben wieder zu ermöglichen, und zwar finanziert durch Vermögensabgaben der Superreichen. Diese Provokation neoliberaler Glaubenssätze (die Pflicht zu Arbeiten und die Unantastbarkeit von Reichtum) beruht auf einer Umkehrung der Perspektive: Zum neoliberalen Corona-Regime gehört die Individualisierung der Verantwortung. Jede:r einzelne ist verpflichtet sich und andere zu schützen, gesellschaftlich wird der Schutz nicht organisiert, selbst Masken werden nicht verteilt. #ZeroCovid dagegen fordert gerade eine gesellschaftliche Lösung der Pandemie, nimmt einen kollektivistischen Blickwinkel ein. Statt an die Verantwortung des Individuums zu appellieren, fordert #ZeroCovid eine gesellschaftliche Reaktion, eine allgemein-gesellschaftliche Strategie.  

Damit freilich attackiert der Aufruf die Fundamente des autoritären Neoliberalismus, wie ihn die Corona-Pandemie hervorgebracht hat. Statt den ununterbrochenen Ausnahmezustand zu feiern, Individualismus und kapitalistischen Todeskult zu verbinden, entwirft die Initiative eine Ausstiegsstrategie aus dem lockdown und macht ein Bild von Gesellschaft wieder denkbar, in dem der Menschen nicht auf seine Arbeitsfähigkeit reduziert ist und Solidarität, nicht allseitige Konkurrenz herrscht.  

Im Konkreten lässt #ZeroCovid somit wieder hoffen. Nicht weil große Worte oder gesellschaftspolitische Entwürfe gemacht werden würden, sondern da im Konkreten die Möglichkeiten eines anderen, eines solidarischen Lebens und einer am Gemeinwohl orientierten Politik aufgezeigt werden. Vermeintlich „linke“ Kritiker:innen, die nur an Worten hängen, verkennen dies, und sie verkennen die Energie, die der Aufruf freisetzt, gerade weil zehntausende Menschen diese Perspektive der Hoffnung herbeigesehnt haben, diese konkrete und fundamentale Kritik der herrschenden Hoffnungslosigkeit. 

Aus diesem Grund unterstütze ich die Initiative. Nicht weil ich glaube, dass sofort die Null der Neuansteckungen erreichbar ist, sondern weil der Weg, den sie aufzeigt, ein Weg der Hoffnung ist. Weil durch die Kampagne wieder ein Hoffen möglich geworden ist auf ein Ende des Lockdown-Regimes, auf ein Ende der Verzweiflung. Schon allein darum hat die Kampagne gewonnen, egal was noch kommt: Wir können wieder hoffen. 
In Zeiten der vermeintlichen Alternativlosigkeit des Kapitalismus ist dies keine Kleinigkeit. 
 

#CovidAtWork

Für Eilige: Beispiele für Tweets

ERFAHRUNGSBERICHTE

A arbeitet „als Heizungsinstallateur auf einer Großbaustelle in München. Maske trägt kaum wer, man kommt sich in den Wohnungen sehr nah, teilt sich mit gefühlt 100 Leuten 4 Dixiklos. Aber mit meiner Freundin ein befreundetes Paar zu besuchen ist ja zu gefährlich…” #CovidAtWork

P ist Sozialarbeiterin im Betreuten Wohnen für Haftentlassene: “Wir sind 8 Mitarbeiter*innen mit Kontakt zu Bewohnern und arbeiten teilweise im gleichen Raum. Es gibt keine FFP2 und kaum Homeoffice. Ich will Gesundheitsschutz u. Unterstützung durch die Gewerkschaft!” #CovidAtWork

B studiert an der Hochschule für Polizei & öffentliche Verwaltung NRW: “Die Klausuren finden in Präsenz statt, weil anders geht ja nicht 🤡. Und ich soll als angehender Beamter wem erklären, warum es richtig ist, monatelang kein Privatleben mehr zu haben!” #CovidAtWork

H berichtet aus der Versammlung in einer öffentlichen Verwaltung. Konferenzleiter: “Ich möchte die Konferenz gern ohne Maske machen.” Die anderen folgen höflich oder gehorsam. Immerhin bleibt ein Fenster offen und es wird Abstand gehalten. Das muss halt reichen.   #CovidAtWork

R arbeitet “in einem Autokonzern in Ingolstadt. Offiziell gilt Maskenpflicht. Aber an den Bändern tragen alle die Masken untem Kinn, auch die Vorgesetzten. Kontrollen gibt es keine. Privat darf ich nix, aber auf Arbeit riskiere ich für Aktionäre meine Gesundheit.” #CovidAtWork

C arbeitet in einem Museum. Obwohl das Museum für Publikum geschlossen hat, darf sie nur an einem Tag pro Woche ins Homeoffice. An den restlichen vier Tagen muss sie mit dem überfüllten ÖPNV ins Büro fahren. #CovidAtWork

L, der selbstständig arbeitet, schickt sein Kind in die Kita. Er will eigentlich nicht, bekommt aber für die Zeit, in der nicht arbeiten kann, weil er sein Kind betreut, keine Entschädigungszahlungen. Dafür gibt es schließlich die Notbetreuung. #CovidAtWork

K fragt im Arbeitstreffen, ob das kommende Projekt, bei den hohen Infektionszahlen, nicht auch online stattfinden könne. Er solle sich nicht so Sorgen machen, heißt es, man habe ja ein gutes Hygienkonzept. – Nämlich? An jeder Wand ein Desinfektionsspender #CovidAtWork

N erzählt, dass sie ihr Kind mindestens zweimal die Woche in die volle Kita schickt, weil sie zum Arbeiten in eine andere Stadt pendeln muss. – Wo arbeitet sie? Im Theater. – Aber die Theater sind doch geschlossen! Die Proben finden dennoch statt. – ? #CovidAtWork

F arbeitet auf einer Intensivstation: „Ich sehe viele, auch junge Leute mit Covid, die auch nach Wochen nicht genug Reserven in den Lungen haben um sich aufzusetzen. Und was ist die Perspektive? Weiter so? Bis in den Frühling werden in meinem Beruf viele aufgeben.“ #CovidAtWork

D arbeitet in einem Familienrestaurant in Berlin: “Wir haben immer weniger Einnahmen, aber die Ausgaben bleiben fast gleich. Warum überweist der Staat die Wirtschaftshilfen nicht gleich an den Vermieter? Die Miete ist ja seit Corona seltsamerweise nicht gesunken!” #CovidAtWork


TIPPS UND HINTERGRUNDINFORMATIONEN

“Solidarisch gegen Corona bedeutet nicht nur, dass wir füreinander einkaufen gehen, sondern auch, dass wir uns unterstützen, wenn wir Probleme auf Arbeit kriegen.” Das Netzwerk Arbeitskämpfe hat ein paar nützliche Tipps gesammelt für #CovidAtWork https://netzwerk-arbeitskaempfe.org/2020/04/30/faq/

Eine Studie des Statistikamtes in UK zeigt: Von 100.000 berufstätigen Männern im Alter von 20 und 64 Jahren sind 31,4 an Covid-19 gestorben. Bei Fabrikarbeitern liegt diese Quote 4-5 mal so hoch: 143,2 von 100.000. #CovidAtWork

Studie mit 4 Mio Versicherten zeigt: Arbeitende im Gesundheitsbereich haben ein 1,5 – 2 mal so hohes Risiko, an Covid zu erkranken. Auch für Leihbeschäftigte in Industrie sowie in Post- und Logistikbranche ist das Risiko um ein Drittel höher. #CovidAtWork https://www.asu-arbeitsmedizin.com/wissenschaft/berufs-und-branchenbezogene-analyse-des-covid-19-risikos-deutschland

Amazon ist zwar sehr um seinen Umsatz bemüht (21,3 Milliarden alleine 2020), jedoch weniger um die Sicherheit der Arbeiter:innen. Alleine im Logistikzentrum in Garbsen kam es zu 250 Infektionen. #CovidAtWork

Eine Studie auf Grundlage der Daten AOK Versicherter zeigt: Menschen, die in der Betreuung und Erziehung von Kindern arbeiten, haben ein 2,2fach höheres Risiko an Covid zu erkranken als der Durchschnitt der Beschäftigten. Aber Schulen und Kitas sind sicher? #CovidAtWork  

In Deutschland haben Pflegekräfte ein um 56 Prozent höheres Risiko, an Corona zu erkranken, als Berufstätige insgesamt. #CovidAtWork

Wenn der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft (Michael Hüther) so redet – “Es gibt keinen absoluten Lebensschutz, auch nicht in der Covid19-Pandemie“ – brauchen wir uns über #CovidAtWork nicht wundern.

Der Präsident des BDI, Siegfried Russwurm: „Es ist keine Frage, natürlich erkranken auch in Betrieben tätige Menschen an Corona.“ Zum Thema Runterfahren der Wirtschaft: “Keiner weiß, ob es überhaupt dazu beiträgt, das Infektionsgeschehen in den Griff zu bekommen.”#CovidAtWork

Etwas Sozialdarwinismus gefällig? Unternehmer Georges Bindschedler in der NZZ: “Wir wählen den wirtschaftlichen Suizid, um zu verhindern, dass einzelne betagte Menschen das Zeitliche einige Jahre früher segnen, als es unter normalen Umständen zu erwarten wäre“ #CovidAtWork

Wir fordern eine Pause der Arbeit, anstatt des Anstands. H&M möchte 800 Menschen in Deutschland entlassen – vor allem junge Mütter, langzeiterkrankte Mitarbeiter:innen und schwerbehinderte Menschen. #CovidAtWork(Quelle: Business Insider)

Auch Behindertenwerkstätte sind Orte des Infektionsrisikos. Werkstätten also vorübergehend schließen? Der Chef verschiedener Werkstätten in Bayern, Martin Becker, meint: “Arbeit gehört zu einem erfüllten Leben”. Wir meinen: Gesundheit noch viel mehr! #CovidAtWork (Quelle SZ)

Der Staat verlangt mehr Homeoffice – und ermöglicht dies seinen eigenen Angestellten nicht. So beträgt z.B. in den Kommunen die Homeoffice-Quote gerade mal 37%. #CovidAtWork (Quelle Wirtschaftswoche)

Jens Spahn forderte im November 2020, dass auch Corona-positiv geteste Ärzt:innen und Pfleger:innen arbeiten gehen sollen um die Personalnot zu lindern. Wir fordern: Mehr Budget, Personal und eine solidarische Finanzierung. #CovidAtWork (Quelle Welt)

Tausende Menschen aus verschiedenen Ländern wurden im Juli 2020 im Kreis Gütersloh wochenlang, unfreiwillig und teiweise ohne Grund in Quarantäne eingesperrt. Was sie alle gemeinsam hatten? Sie sind Arbeiter:innen bei Tönnies. #CovidAtWork (Quelle Tagesschau)

“Die Massentierhaltung ist eine Teilchen­beschleunigerin. Mehr Körper auf weniger Raum bedeuten mehr Chancen für die Entstehung von Mutationen oder Hybridviren und für ihre Verbreitung, egal bei welchem Virus. ” #CovidAtWork https://www.republik.ch/2020/12/23/covid-19-ist-erst-der-anfang

„Schutz der Risikogruppen“ bedeutet Segregation. Wer das fordert, spaltet die Gesellschaft. Keine*r bleibt zurück! #ZeroCovid

Seit Beginn der Pandemie wurden als Ziele von Lockdown und Schutzmaßnahmen angeführt, das Gesundheitssystem zu entlasten und die „Risikogruppen“ zu schützen. Die Strategie „flatten the curve“ hat dieses Ziel nicht erreicht. Spätestens seit der zweiten Welle grassiert das Virus in den Pflegeheimen, sterben dort Menschen zu Tausenden. Die Intensivstationen sind voll. Die gefürchtete Triage, das heißt das Sterbenlassen von Patient*innen, bei denen eine Therapie nicht aussichtsreich scheint, wird bereits praktiziert: Pflegeheimbewohner*innen mit schwerem Covid19-Verlauf werden oft gar nicht mehr in den Krankenhäusern aufgenommen.

Die „Risikogruppe“ ist groß und Selbstisolation auf Dauer unmöglich

Wer eigentlich die „Risikogruppe“ ist und wer mit den viel beschworenen „Alten und Schwachen“ gemeint ist, bleibt seit Beginn der Corona-Krise unklar. In den Zahlen zu schweren Verläufen und Tod findet sich ein eindeutiger Überhang von Menschen über 80 wieder. Die Spannbreite der Vorerkrankungen unabhängig vom Alter ist jedoch breit: Da ist die Rede von Asthma, COPD, Herzerkrankungen, Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes uvm. Allesamt Beeinträchtigungen, die weit verbreitet sind. Je nach Rechnung macht die „Risikogruppe“ bis zu vierzig Prozent der Bevölkerung aus. Die Strategie, dass voranging die „Risikogruppe“ geschützt werden – vor allem durch Selbstisolation – und der Rest der Bevölkerung dem Virus ausgesetzt wird, ist verfehlt. Kein Mensch kann sich über die Dauer von mehreren Monaten von der Gesellschaft isolieren. Gerade Menschen, die Pflege und Assistenz brauchen, haben täglich Nahkontakt mit anderen Menschen. Menschen aus der „Risikogruppe“ sind darüberhinaus berufstätig, haben Kinder, Partner*innen und Freund*innen – ein kompletter Selbstschutz vor dem Virus ist daher für die allermeisten unmöglich. Auch im Pflegeheim ist es bei hohen Inzidenzen illusorisch, das Virus draußen zu halten – und wenn es erst im Heim ist, breitet es sich schnell aus. Die Strategie ist außerdem zynisch: Sie verschiebt die Zuständigkeit für den Schutz der „Risikogruppe“ allein auf die Betroffenen und nimmt den Rest der Gesellschaft aus der Verantwortung. Darüber hinaus haben zehn bis zwanzig Prozent der Covid19-Kranken auch Monate nach ihrer Genesung noch mit Spätfolgen zu kämpfen; etwa die Hälfte der hospitalisierten Covid19-Patient*innen brauchen ein halbes Jahr danach noch Rehabilitations-Maßnahmen („Long Covid“).

Ein Teil der „Risikogruppe“ wurde bei allen Maßnahmen vergessen

Darüber hinaus stellen wir fest: Der Schutz der „Risikogruppen“ versagt, weil ein Großteil von ihnen schlicht vergessen wurde, nicht auf dem Schirm ist. Pflegebedürftige Menschen, die ihre Pflege privat über Angehörige organisieren, aber auch jüngere Menschen mit Behinderung unter 60, bekommen seit Monaten keine Masken und Schutzausrüstung für ihre Pflege- und Assistenzpersonen, von Pflegebonus-Zahlungen ganz zu schweigen. Schnelltests dürfen sie nicht anwenden, weil dies nur von medizinisch geschultem Fachpersonal durchgeführt werden darf. Stattdessen müssen sie seit Monaten in der Angst leben, dass die Pflegekräfte das Virus unbemerkt zu ihnen nach Hause tragen und sie sich anstecken. Das betrifft auch Menschen, die z.B. durch Muskeldystrophie oder hohen Querschnitt eine Beatmung brauchen und bereits durch eine Erkältung hochgefährdet sind. Für viele von Ihnen wäre eine Covid19-Erkrankung lebensgefährlich.

Keine priorisierte Impfung für Teile der „Risikogruppe“

Für eine priorisierte Impfung ist ein großer Teil der „Risikogruppe“ dennoch nicht vorgesehen: Alle drei Priorisierungsstufen der Coronavirus-Impfverordnung verzeichnen als Kriterien einen engen Katalog von Diagnosen oder einen Einrichtungsaufenthalt. Lebt man hingegen ambulant bzw. im eigenen Zuhause (wie der allergrößte Teil der „Risikogruppe“) oder ist die eigene Diagnose nicht gelistet, muss man warten, bis alle drei Priorisierungsstufen abgearbeitet sind. Der THW-Mitarbeiter, die Bundestagsabgeordnete und der Polizeihauptmeister kommen also noch vor der lungenkranken 30 jährigen mit 20 % Atemvolumen oder dem 40Jährigen mit Mukoviszidose dran. Die müssen sich bis dahin weiter strikt isolieren und hoffen, sich trotz der kommenden Virenmutationen nicht anzustecken. Von der Priorisierung ausgenommen sind auch Assistent*innen und pflegende Angehörige, beispielsweise von Kindern mit Behinderungen, die derzeit noch nicht selbst geimpft werden dürfen. Sehbehinderte Menschen, die den Abstand nicht immer einhalten können, sind auch nicht priorisiert.

Obwohl die STIKO Anfang des Jahres in einer Aktualisierung ihrer Impf-Empfehlung eine Öffnungsklausel hinzugefügt hat, die besagt, dass „die für die Impfung Verantwortlichen“ per Einzelfallentscheidung Patient*innen selbst priorisieren können sollen, sieht das Bundesgesundheitsministerium derzeit nicht vor, die Corona-Impfverordnung dahingehend abzuändern. Die Betroffenen haben daher keine rechtliche Grundlage und müssen einzeln Anträge bei den Gesundheitsbehörden der Länder stellen, bei denen derzeit niemand weiß, wer für die Einzelfallentscheidungen zuständig ist, oder vor Gericht ziehen. Ein Hohn im Vergleich zu anderen Staaten wie UK, die USA oder Österreich, wo alle Teile der „Risikogruppe“ bereits jetzt geimpft werden.

Triage-Entscheidungen nach ableistischen Kriterien

Weil sie in der Studien zu den Todeszahlen und schweren Verläufen nicht vorkommen (aufgrund ihrer selteneren Diagnosen), wurden Menschen mit einer Vielzahl von chronischen Krankheiten und Beeinträchtigungen in der aktuellen Impfverordnung nicht aufgeführt. An sie gedacht hat man allerdings bei den Handlungsempfehlungen zur Triage. Bereits im Frühjahr gab die Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) Handlungsempfehlungen für Intensivmediziner*innen heraus für den Fall knapper Ressourcen während der Corona-Pandemie. Zwar gibt es einen Passus, in dem eine nicht-diskriminierende Zuteilung von Atemgeräten und Intensivmedizin angemahnt wird. Dennoch basieren die Handlungsempfehlungen auf ableistischen Vorstellungen von Lebensqualität und Behinderung. Entscheidungsgrundlage für die Zuteilung von Ressourcen ist die „Klinische Gebrechlichkeitsskala“ („Clinical Frailty Scale“), einer eigentlich aus der Gerontologie stammenden Klassifizierung je nach „Aussicht“ einer Behandlung. Die Nutzung von Hilfsmitteln wie Rollstühle und Rollatoren, mangelnde Beweglichkeit und Unterstützungsbedarf durch Pflegekräfte gelten nach dieser Skala als Hinweise darauf, dass eine intensivmedizinische Behandlung nicht angezeigt ist, weil sie als nicht erfolgversprechend angesehen wird. Dies schließt eine Vielzahl behinderter Menschen aus, die nach einer Covid19 Erkrankung auch mit Hilfsmitteln, Assistenz und Pflege ein gutes und selbstbestimmtes Leben weiterführen können. Die Einbeziehung von Verwandten und Freund*innen in eine individuelle Triage-Entscheidung ist in den Handlungsempfehlungen der DIVI nicht vorgesehen – allein medizinisches Fachpersonal soll die Entscheidung über Behandlung bzw. Behandlungsabbruch nach der klinischen Gebrechlichkeitsskala fällen. Da sich die Triage-Regelungen auf alle Intensivpatient*innen beziehen und nicht nur auf Covid19-Patient*innen, steht die Triage derzeit auch für alle Menschen mit intensivmedizinischen Notfällen als potentielle Gefahr im Raum. Behinderte, alte und chronisch kranke Menschen sind hier besonders gefährdet, nicht nur durch einen schweren Covid19-Verlauf, sondern auch durch diskriminierende Annahmen über ein Leben mit Beeinträchtigungen ihr Leben zu verlieren.

Wir fordern:

  • wirksame Maßnahmen zur drastischen Reduzierung der Fallzahlen, um Triage-Entscheidungen von vornherein abzuwenden
  • eine Debatte über die Kriterien der Triage-Entscheidungen im Bundestag und eine klare gesetzliche Grundlage
  • eine sofortige klare Regelung und rechtliche Grundlage einer zeitnahen Impfmöglichkeit der „Risikogruppe“ unter 60
  • die Berücksichtigung von nahen Kontaktpersonen, Assistent*innen von „Risikogruppen“, unabhängig vom Alter der beeinträchtigten Person
  • Zugang zu Masken, Schnelltests und Schutzkleidung für selbstorganisierte und familiäre ambulante Pflege

Quellen:

https://abilitywatch.de/2021/01/03/corona-status-2021-wie-die-regierung-hoch-vulnerable-gruppen-opfert/

https://www.zdf.de/nachrichten/politik/coronavirus-spahn-risikogruppen-100.html

https://de.statista.com/infografik/21145/groesse-von-ausgewaehlten-risikogruppen-in-deutschland/

https://www.quarks.de/gesundheit/medizin/langzeitschaeden-von-covid-19-was-wir-wissen-und-was-nicht/

https://www.divi.de/joomlatools-files/docman-files/publikationen/covid-19-dokumente/200417-divi-covid-19-ethik-empfehlung-version-2.pdf

https://www.prima-eds.eu/fileadmin/img/downloads/Gebrechlichkeitsskala.pdf

https://abilitywatch.de/menschistmensch/

#Schichtgeschichten 9

Eine:r unserer Unterstützer:innen berichtet uns anonym von den Erfahrungen vom Arbeiten unter COVID-Bedingungen:

»Alltäglicher Stress in einem Krankenhaus mitten in Deutschland im Spätherbst 2020. Allen steckt der Dienst in den Knochen, sie haben gut zu tun. Plötzlich kommt ein Kollege mit fassungslosem Gesicht herein. Vor der Notaufnahme/Abstrichstelle stehe ein Bus mit Rentnern, die alle einen Abstrich haben möchten – um in den Urlaub fliegen zu können.🤦🏻‍♀️«

Habt ihr auch Erfahrungen aus der Arbeit, Schule oder Hochschule unter COVID-Bedingungen? Sendet sie uns unter #Schichtgeschichten zu und wir veröffentlichen sie (auf Wunsch auch anonym).

#Schichtgeschichten 8

Eine:r unserer Unterstützer:innen berichtet uns anonym von den Erfahrungen vom Arbeiten unter COVID-Bedingungen:

»Ich arbeite momentan als Heizungsinstallateur auf einer Großbaustelle in München. Dort sollen viele Wohnungen entstehen. Auf der Baustelle verteilt arbeiten wohl ca. 15 Firmen. Das teilt sich in Elektriker, Fliesenleger, Maurer, Maler, Garten-/Landschaftsbauer, Trockenbauer und eine Putzkolonne auf.

Maske trägt natürlich niemand. In den Wohnungen kommt man sich beim arbeiten teilweise sehr nahe, weil teils 5 oder mehr Leute aus unterschiedlichen Gewerken gleichzeitig dort arbeiten.

Dann teilt man sich mit gefühlt 100 Leuten 4 Dixiklos, die praktisch dauerhaft bis unter den Rand voll mit Exkrementen sind. Es gibt auch keine Möglichkeit, sich mit warmen Wasser und Seife die Hände zu waschen. Einfach ekelhaft.

Die An-/Abreise erfolgt natürlich zu viert in einem Kleinbus, der zur Hälfte schon mit Werkzeug etc. vollgestopft ist. Fahrzeit eine Stunde hin und eine zurück. Bin dann insgesamt 11 Stunden pro Tag unterwegs.

Aber mit meiner Freundin zusammen ein befreundetes Paar zu besuchen ist ja zu gefährlich…«

Habt ihr auch Erfahrungen aus der Arbeit, Schule oder Hochschule unter COVID-Bedingungen? Sendet sie uns unter #Schichtgeschichten zu und wir veröffentlichen sie (auf Wunsch auch anonym).

#Schichtgeschichten 7

Unsere Unterstützerin Paula berichtet in ihrer Schichtgeschichte vom Arbeiten unter COVID-Bedingungen in der Care-Arbeit. Ihr Bericht verdeutlicht, dass die bloßen Appelle an Unternehmensführungen allzu häufig auf taube Ohren stoßen, und dass es eine starke, gewerkschaftliche Bewegung braucht, um #ZeroCovid durchzusetzen:

»Ich bin Sozialarbeiterin in einem Teilstationär Betreuten Wohnen für Haftentlassene. Seit Anfang der Pandemie kämpfe ich mit meinen Kolleg*innen darum, dass wir die Bewohner, unsere Familien und uns selbst mit geeigneten Maßnahmen schützen können. Wir sind 8 Mitarbeiter*innen, die teilweise gleichzeitig im gleichen Raum arbeiten. Wir haben regelmäßig Kontakt zu den Bewohnern der Einrichtung.

Es dauerte Monate bis wir OP-Masken gestellt bekamen, die wegen des angeblich zu hohen Verbrauchs schließlich durch Stoffmasken ersetzt wurden.

Immer wieder konnten wir uns über einige Wochen stundenweise Homeoffice erkämpfen – dafür mussten wir schriftlich Rechenschaft über unsere Tätigkeiten in der Heimarbeit ablegen. Aufgrund von derzeit niedriger Belegung, dem Aussetzen sämtlicher Gruppenaktivitäten, und Präsenzterminen bei Behörden und nicht zuletzt unserer Anstrengung, wäre es durchaus möglich, in kleinen gleichbleibenden Teams vor Ort zu arbeiten. Sämtliche formale Angelegenheiten, Erstellung von Hilfeplänen, Dokumentation usw. könnte in die Heimarbeit zu verlegt werden.

Pünktlich zu den neuen Entscheidungen der Regierung verkündet nun aber unser Betriebsleiter, dass er das Homeoffice komplett abschaffen oder zumindest noch genauer kontrollieren wolle. Er glaube, wir würden zu Hause nicht arbeiten.

Rückhalt durch den Chef unserer Einrichtung ist kaum zu erwarten. Zitat: „Ich hätte mir ja auch gewünscht, dass die das [den Lockdown] nicht verlängern.“

Ich wünsche mir Respekt durch den Arbeitgeber für unsere systemrelevante Arbeit in einem gesellschaftlich gerne unter den Teppich gekehrten Bereich. Und zwar dadurch, dass wir geschützt werden, wo es möglich ist – nicht durch ne Weihnachtskarte und ne Tafel Schokolade! Und ich wünsche mir Unterstützung bei der Durchsetzung unserer Forderungen durch die Gewerkschaft!«

Paula

Habt ihr auch Erfahrungen aus der Arbeit, Schule oder Hochschule unter COVID-Bedingungen? Sendet sie uns unter #Schichtgeschichten zu und wir veröffentlichen sie (auf Wunsch auch anonym).

#Schichtgeschichten 6

Dieser Bericht wurde von unserem Unterstützer Alex verfasst und zeigt, dass insbesondere für kleinere Betriebe – deren Beschäftigte, wie deren Inhaber:innen, die aktuelle Coronapolitik die existenziell größte Bedrohung darstellt. Wir fordern unter #ZeroCovid nicht nur eine umfassendere Pause für die Wirtschaft, sondern auch eine deutlich bessere Unterstützung von Betroffenen abhängig Beschäftigten und kleinen Selbstständigen, die derzeit vor allem mit großen Versprechungen abgespeist werden:

»Hallo, mein Name ist Alex und ich arbeite in einer Gaststätte in Köln. Zu meinen Aufgaben gehören neben Service auch die Verwaltung, Zahlungsverkehr und Lohnbuchhaltung, so dass ich sowohl die Perspektive als Arbeitnehmer, als auch die der Gastronomen selbst beleuchten möchte.Zur Arbeitnehmerperspektive lässt sich sagen, dass wir uns glücklich schätzen können, bei uns im Betrieb viel mit zu reden haben. Ansonsten wären die letzten 10 Monate wohl nervlich und finanziell kaum tragbar gewesen: Seit dem ersten Lockdown im März 2020 kommen fast alle von uns nicht auf unsere normalen Stunden und so prekär wie die Löhne nun mal in der gesamten Branche sind, ist auch der Wegfall/ die Abnahme von Trinkgeld ein großes Problem. Das hat bei uns im Normalbetrieb etwa ein Drittel des Gesamtverdienstes ausgemacht, der in Schließungszeiten einfach so wegfällt. Auch als wir zwischendurch wieder öffnen durften, war dies höchstens die Hälfte von dem, was davor reingekommen ist, da wir im Laden unsere Plätze halbieren mussten.

Niemand von uns würde sich allerdings gerade freuen, wenn wir wieder aufmachen dürften: Die derzeitigen Infektionszahlen sind derart hoch, dass es an für sich richtig ist, bis diese sinken, die Restaurants, Bars und Kneipen geschlossen zu halten, aber eben nicht nur die und den Einzelhandel!

Die geltenden Regeln haben wir zwar immer umgesetzt, jedoch war uns spätestens Anfang Oktober selbst nicht mehr wohl dabei: Masken waren für Gäste nur im stehen/beim Gang auf die Toilette vorgeschrieben, als ob das für die Verteilung von Viren in der Luft eine Rolle spielen würden, ob die Leute sitzen oder nicht. Das größte Problem für alle Beschäftigten in der Gastronomie ist aber derzeit wohl das dürftige Kurzarbeiter*innengeld: Das sind 60, 70 (nach 4 Monaten) oder 80(nach 7 Monaten) Prozent vom Nettogehalt(!). Auch der höchste Satz langt eigentlich hinten und vorne nicht, da die meisten Arbeitnehmer*innen entweder Mindestlohn oder knapp drüber verdienen, ein erheblicher Teil aus dem Trinkgeld kommt und deswegen garnicht ersetzt wird und es außerdem für Minijobber*innen gar keine Ersatzleistungen gibt. Wenn diese sich nicht irgendwie anders durchschlagen können, bleibt eigentlich nur um Kündigung zu bitten, weil man bei Kündigung durch die Arbeitnehmer*innen immer befürchten muss, dass das Jobcenter für ALGII erst einmal eine Sperre verhängt, man sei ja selbst verantwortlich. Wenn man dann auch noch, wie sehr viele, den Gastrojob zur Finanzierung des Studiums macht, muss man sich exmatrikulieren, da es für eingeschriebene Studierende kaum möglich ist, ALGII zu bekommen.

Wir haben aber auch, zum Glück, bei uns im Laden einen vollen Überblick über die Arbeitgeber*innenseite, wo es nicht besser aussieht: Durch zigmalige nachträgliche Änderungen soll jetzt die Soforthilfe aus dem ersten Lockdown zurückgezahlt werden, die vor Monaten beantragte Novemberhilfe ist noch nicht angekommen (von Dezember ganz zu schweigen) und die Auszahlung von Kurzarbeiter*innengeld dauert mindestens 3, aber auch mal 6 Wochen. Nach dem miesen Jahr 2020 sind einfach keine Rücklagen mehr vorhanden und selbst Geld verdienen dürfen wir nicht, so dass wir alle auf die pünktlichen Zahlungen angewiesen sind. Wir sind deswegen unfassbar wütend, dass sich hier nun über 2 Monate Zeit gelassen wird, Krankenkassen, Miete und Steuern pünktlich gezahlt werden muss und dann zum Vorstrecken der Löhne einfach kein Geld mehr da ist. Das viel zu niedrige Kurzarbeitergeld kommt also erst an, wenn es auf dem Konto des Betriebes eingeht, ganz so, als hätten wir irgendwelche Ersparnisse, von denen wir wochenlang überleben könnten.

Wir sind uns sicher, dass wir es mit einer Fortsetzung der jetzigen Maßnahmen nicht schaffen, das nächste Jahr zu überleben. Am Betrieb hängen aber nicht nur die Jobs und Existenzen von 18 Menschen, sondern eben auch viele Emotionen, da wir alle sehr gern hier arbeiten und für ungelernte Kräfte nur die bescheidensten Alternativen in Aussicht stehen. Besonders wütend macht es, unverschuldet in diese Lage gekommen zu sein, weil der Laden nicht besser hätte laufen können, bevor es mit Corona losging, wir uns seitdem immer an alle Regeln gehalten haben, alle Anträge frühmöglichst gestellt haben und öfters auf Löhne gewartet haben. Es ist scheiße zu wissen, dass sich auch die nächsten Monate keine Aussicht auf Besserung erkennen lässt und im verstaubten Gastraum mit Stühlen oben zu stehen, während die U-Bahnen jeden morgen brechend voll sind mit Menschen, die zur Arbeit müssen.Wir alle sehen #ZeroCovid als sozial und epidemologisch einzig vertretbaren Weg an, dieser Misere zu begegnen und haben deshalb die Initiative von Anfang an unterstützt.«

Alex

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#Schichtgeschichten 5

Eine:r unserer Unterstützer:innen berichtet in der Schichtgeschichte darüber, welche z.T. absurden Folgen die derzeitige Corona-Politik für Studierende und Schüler:innen auch an den Hochschulen für angehende Beamt:innen hat:

»Bei uns Studierenden an der Hochschule für die Polizei & öffentliche Verwaltung NRW wurden in meinem Studiengang die Klausuren erst von Anfang Januar auf Ende März verschoben, nur um sie jetzt wieder auf Mitte Februar vorzuziehen.

Und das ganze natürlich in Präsenz, weil anders geht ja nicht 🤡🤡🤡 Und dann soll ich als angehender Beamter wem erklären, warum es richtig ist, dass er/sie monatelang kein Privatleben mehr haben darf/soll, aber wir vom Staat können Klausuren schreiben«

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#Schichtgeschichten 4

Eine:r unserer Unterstützer:innen berichtet uns anonym vom Arbeiten unter COVID-Bedingungen. Dieser Erfahrungsbericht zeigt ganz konkret, welche praktischen Folgen die derzeitige Corona-Politik auf die Belegschaften haben und warum #ZeroCovid der einzige solidarische Weg aus der Pandemie ist:

»Ich arbeite bei einem großen Automobil-Konzern in Ingolstadt. Offiziell gibt es bei uns legitime Maßnahmen, wie z.B. Maskenpflicht auf den Gelände sowie in allen “Gesprächssituationen” oder Arbeitsplätze unter 1,50 Abstand.

Wenn man nun aber durch die Bänder geht, wo alle dicht an dicht stehen, sieht man meist die Masken nur an einer Stelle: Unter dem Kinn. selbst die Vorgesetzten, die das Tragen durchsetzen sollen, tragen sie teilweise nicht und ermahnen auch niemanden dazu.In meiner Schicht ist dies ähnlich, setzt aber sogar noch einen drauf. Dort wird sich schonmal zu dritt oder viert ein Getränk geteilt. Sprich, während einer Pandemie saufen mehrere Menschen aus EINEM Glas.

Solange wir keinen richtigen, auch die Industrie betreffenden Lockdown haben, müssen wenigstens unabhängige/staatliche Kontrollen stattfinden.

Es macht mich wütend. Während ich beinahe niemanden mehr treffen kann, nichts mehr erlaubt ist was mir privat gut tut, muss ich nicht nur jeden Tag für Aktionäre arbeiten (die ganz sicher Home Office haben), sondern muss mich zwangsläufig der Gefahr aussetzen, von solchen verantwortungslosen Leuten infiziert zu werden.Daher gibt es nur eine Lösung, #zerocovid!«

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#Schichtgeschichten 3

Unser Unterstützer Felix macht in seiner Schichtgeschichte eindrucksvoll deutlich, was 25 Jahre neoliberale Politik für den Gesundheitssektor und das Arbeiten unter COVID-Bedingungen bedeuten: Unterbesetzung, Überarbeitung bis an die Belastungsgrenze und Resignation.

»Kurz zu meiner Person, ich heiße Felix und arbeite auf einer Intensivstation in einem Akutkrankenhaus. Für mich heißt das seit dem Frühjahr somit auch, dass ich mich ob ich möchte oder nicht mit Covid19 auseinandersetzen muss. In unserem Team war relativ schnell klar, dass diese neuartige Erkrankung aggressiver war als alles was wir bisher kannten. Der Erholungsphase, welche wir zum Glück im Sommer hatten, ist nun schon lange die zweite Welle gewichen. Ich bin auch im Austausch mit Kolleg:innen anderer Häuser, es wird überall am Limit gearbeitet. Von den großen Versprechungen aus dem Frühjahr ist (wie erwartet) kaum etwas eingetreten. Das Erste was mir nun als “Kämpfer an vorderster Front” seit Beginn der Pandemie etwas Hoffnung gibt, ist diese Kampagne. Zu lange haben wir Kritik an den Maßnahmen den Schwurblern überlassen, welche das Virus nicht ernstnehmen oder gar leugnen. Covid19 ist Realität, bittere Realität.Ich hab zu viele Menschen gesehen, die auch nach Wochen nicht einmal genug Reserven in ihren Lungen hatten um sich aus ihrem Krankenbett an die Bettkante zu setzen, geschweige denn ein paar Schritte zu laufen. Auch junge Leute. Von der Influenza kenne ich sowas nicht.

Doch wieso müssen wir als Privatpersonen gefühlt allein dafür Sorge tragen, dass es sich nicht weiter ausbreitet? Ich bin ausdrücklich ein Freund der AHA-Regeln. Doch was sind diese wert, wenn sie nur für das Privatleben gelten und das Arbeitsleben genauso weiterläuft wie bisher? Klar gibt es positive Beispiele, doch diese sind nicht die Regel. ZeroCovid ist für mich ein Hoffnungsschimmer in einer profitorientierten Welt, in der wie es mir scheint nicht eine Sekunde darüber nachgedacht die Wirtschaft ebenso einzuschränken wie wir es tagtäglich leben.Was ist aktuell die Perspektive? Weiter so bis ins späte Frühjahr? Bis dahin wird es in meinem Berufsstand viele geben, die aufgeben werden. Schon aktuell ist der Alltag auf meiner Intensivstation nur möglich, weil Überstunden gemacht werden und Hilfe von anderen Stationen bzw. aus der Bevölkerung kommt. Ich kann mich nur wiederholen, es sind alle am Limit.

Dank ZeroCovid hab nun zum ersten Mal wieder Hoffnung, dass sich am Diskurs etwas ändert und es nicht mehr nur darum geht, das wenige Privatleben das uns noch bleibt, immer weiter runterzufahren. Das Ziel kann für mich nur Eindämmung auf Null heißen. Und verdammtnochmal, den Mensch über Profite zu stellen.

Felix

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#Schichtgeschichten 2

Unser Unterstützer René sendet uns diesen Erfahrungsbericht zu, der verdeutlicht, was Arbeiten unter COVID-Bedingungen konkret für die Beschäftigten bedeutet und warum auch unter Einhaltung aller Sicherheitsregeln die kurzzeitige Schließung aller nicht unbedingt erforderlichen Betriebe für #ZeroCovid geboten ist:

»Ich habe bei mir auf Arbeit ebenfalls viel zu viele Kontakte. Ich arbeite am Empfang einer KFZ-Werkstatt. Es läuft alles regelkonform. Jeder von uns trägt eine Maske und der Abstand wird gewahrt. Mittlerweile kommen auch weniger Kunden aber immer noch zu viele. Bisher konnte man an Kurzarbeit nicht denken. Und die meisten Reparaturen können auf jedenfall 2 Monate warten. Da sind viele Schönheitsreparaturen dabei, welche nun überhaupt nicht notwendig sind.«

René

Habt ihr auch Erfahrungen aus der Arbeit unter COVID-Bedingungen? Sendet sie uns unter #Schichtgeschichten zu und wir veröffentlichen sie (auf Wunsch auch anonym).

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