Das Virus. Der Mensch. Das Kapital

Von Bini Adamczak

Weniger als hundert Jahre liegen zwischen dem Tag, an dem ein Virus zum ersten Mal direkt beobachtet wurde, und dem Tag, an dem es an seiner Fortpflanzung gehindert, in ein anderes Virus eingebaut oder geteilt und in Fettkügelchen (Lipidnanopartikel) verpackt werden kann. Doch dieselbe Menschheit, die gleich mehrere Impfstoffe gegen eine Epidemie binnen weniger Monate zu entwickeln vermag, schließt sogleich einen Großteil ihrer Mitglieder mittels Patentrecht von deren Gebrauch aus. Noch in der radikalen Erfahrung von Gleichheit angesichts einer erdumspannenden Gefahr scheint die Menschheit um nichts mehr bemüht als darum, die Ungleichheit zu erhalten. Das unterscheidet die historische Situation, die wir erleben, von den Film-Drehbüchern, in denen eine allgemeine Bedrohung die Konkurrenten aller Länder zur Besinnung kommen lässt und die Menschheit vereint. Vielleicht rührt ein Teil der Verwirrung angesichts des fortgesetzten Irrsinns auch daher.

Das Virus, das nur wenige Wochen gebraucht hat, um von Menschenmund zu Menschenmund einmal um die Erde zu reisen, hat einen Begriff der Menschheit in Erinnerung gerufen, der in der Philosophie, auf dem indischen Subkontinent oder dem afrikanischen Kontinent lebendig ist, aber in Europa oder USA in Vergessenheit gehalten wird. Gleichzeitig gleich und ungleich. Es ist dieselbe Menschheit, die immer mehr Wissen über immer kleinere Bereiche hervorbringt, und nicht allzu viel mit diesem Wissen anzufangen weiß. Dieselbe Menschheit, die mit tagesgenauer Präzision pandemische Wellen prognostiziert und bei jeder neu überrascht ist, wenn sie tatsächlich eintritt. Es ist dieselbe Menschheit, die mit den mRNA Verfahren beginnt, organische Nanomaschinen zu bauen und immer noch Kohle aus dem Tagebau kratzt, um sie an der Luft zu verfeuern. Dieselbe Menschheit, die ihre ununterbrechbare Verbundenheit mit Fledermäusen, Hunden, Nerzen erkennt und weiterhin meint, nichtmenschliche Tiere aus ihrer geschlossenen Gesellschaft heraushalten zu können. Dieselbe Menschheit, die immer verfeinerte Produktivkräfte entwickelt und sich durch die immer selben Produktionsverhältnisse um deren Genuss bringen lässt.

Es ist das anhaltende Drama des Kapitalismus, das diese Menschheit aufführt, wenn sie nur ein Jahr braucht, um mehrere Impfstoffe zu entwickeln, die eine tödliche Krankheit in eine milde Erkältung verwandeln, aber mindestens drei Jahre, um sie auch den Armen zu geben.

Bini Adamzcak ist Philosophin und Künstlerin und lebt in Berlin.

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