Leben, Tod und Corona

Beitrag von Roland Steixner, Unterstützer der Kampagne #ZeroCovid

Die Pandemie hat eine Frage aufgeworfen, die in der Gesellschaft in dieser Form normalerweise nicht explizit und dieser Totalität diskutiert wird: die Frage, welches Sterberisiko sie hinzunehmen bereit ist. Es handelt sich um die Frage, wie wir leben und wie wir sterben wollen.

Sterbestatistiken spielten in der gesellschaftlichen Debatte noch nie eine so große Rolle wie jetzt. Kaum jemals bestand ein dermaßen breites Interesse am Ausmaß der intensivmedizinischen Kapazitäten. Es finden muntere Vergleiche unterschiedlicher Todesursachen statt. Die saisonale Grippe, Krebs, Alkohol, Rauchen, Krankenhauskeime, Verkehrsunfälle, Suizide und andere Todesursachen kommen ins Spiel. Nach über einem Jahr Covid-19-Pandemie ist die Datenlage in einer Hinsicht eindeutig: Im Ranking der Todesursachen ist die neue Krankheit ganz vorne mit dabei. Mit über 2,4 Millionen Opfern seit Beginn der Pandemie errang sie weltweit den traurigen Spitzenplatz unter den Infektionskrankheiten. Wenn sich SARS-CoV-2 uneingeschränkt ausbreitet, dann können binnen eines Monats mehr Menschen sterben als sonst in einem ganzen Jahr. Das hat die Untersuchung der Sterbestatistik der italienischen Ortschaft Nembro glasklar belegt. Das Virus wäre bei ungehemmter Ausbreitung also weitaus tödlicher als es derzeit erscheint und würde auch gut ausgestattete Gesundheitssysteme überrennen und ganze Volkswirtschaften ins Chaos stürzen.

Die herrschende Klasse musste handeln, um diesen Zustand um jeden Preis zu vermeiden. Denn ein Herrschaftssystem verfügt nur über eine Legitimation, solange es den Tod in einem gesellschaftlich akzeptablen Maße einhegt. Versagt es darin, dann gerät seine Macht ins Wanken. Dabei ist der Raum, den der Tod in der Gesellschaft nimmt, von den Umständen und Möglichkeiten abhängig, die dieser zur Verfügung stehen. Es ist das Verdienst der modernen Medizin, dass sie diese Rahmenbedingungen deutlich verschoben hat. Noch nie verfügte eine Gesellschaft über eine derartig umfassende Möglichkeiten, um Krankheiten zu heilen und ihre Verbreitung zu behindern. Innerhalb eines Jahrhunderts sind diese Möglichkeiten deutlich gestiegen. Während es früher als eine traurige Normalität galt, dass Kinder schon im Säuglingsalter verstarben, während ganze Familien an Pocken oder Tuberkulose starben, ist es heute nicht selten der Fall, dass Großeltern ihre Enkelkinder aufwachsen sehen und sogar noch ihre Urenkel kennenlernen können. Der Rahmen hat sich verschoben. Die Menschen leben im Schnitt länger, aber dafür werden weniger Kinder geboren. Geburten und Todesfälle werden seltener und kommen in ein neues Gleichgewicht.

„Den Tod kann man nicht aufhalten.“ Das war das erste Raunen, das im Frühjahr 2020 auch in linksalternativen Kreisen um sich griff und das sich allmählich zur Querdenkerbewegung auswuchs. Dieses Statement erscheint auf den ersten Blick plausibel, da der Mensch nun einmal sterblich ist. Doch dieser Satz verdeckt die Art und Weise, wie uns der Tod begegnen kann. Es macht eben einen Unterschied, ob man eines Tages im hohen Alter unerwartet oder selbstbestimmt aus dem Leben scheidet oder ob man von einer schrecklichen Krankheit dahingerafft wird oder gewaltsam aus dem Leben scheidet. Dieser Satz lebt von seiner Abstraktheit und ist dadurch zugleich wahr und falsch. Denn sobald wir „den Tod“ durch „die Pocken“, „die Pest“ oder durch „Mord“ ersetzen, entpuppt er sich als gewaltige Lüge. Denn die konkreten Todesursachen sind vermeidbar. Die Pocken wurden überwunden, Polio konnte weitgehend zurückgedrängt werden, an Tetanus und Diphtherie müsste niemand mehr sterben, auch AIDS hat als Krankheit ihren Schrecken für diejenigen eingebüßt, die Zugang zu den passenden Medikamenten haben. Wenn Verbrechen und Kriege nicht zu verhindern wären, könnten wir uns Polizei, Gewaltschutz und internationale Diplomatie sparen (wie unzureichend diesbezüglich die Bestrebungen auch sein mögen).

Wenn etwa der Querdenker Samuel Eckert darauf verweist, dass in den letzten Jahrzehnten die altersbereinigten Sterberaten stets gesunken sind und sogar jetzt trotz Pandemie im Verhältnis früheren Maßstäben niedrig sind, mag das stimmen. Aber was heißt das schon? Wollen wir in eine Gesellschaft zurück, in der mehr Sterbefälle als „unvermeidbar“ akzeptiert werden? Gerade diese Nichtakzeptanz einer dermaßen hohen Sterblichkeit ist ein Zeichen des gesellschaftlichen Fortschritts, in dem das Leben einzelner einen wesentlich größeren Raum und eine wesentlich längere Zeitspanne einnehmen können als früher. Und nur innerhalb dieser Zeitspanne lässt sich auch die Freiheit, die die Querdenker*innen vorgeben zu verteidigen, überhaupt verwirklichen.

Geburt und Tod im Schnelldurchlauf wie in der „guten alten Zeit“ ist das Programm der Lobbyist*innen für eine höhere Sterblichkeit, deren Speerspitze die Querdenker*innen sind. Doch das Netzwerk ist breiter. Das Kapital nimmt dazu eine widersprüchliche Haltung ein, die vielfach jedoch von Pragmatismus geprägt ist. Der Malthusianismus des American Institute of Economic Research, das federführend bei der Entstehung der Great Barrington-Erklärung war, findet breiten Anklang in marktradikalen Kreisen. Da das Virus jedoch auch unter der arbeitenden Bevölkerung Schaden anrichtet, unterstützen einzelne Fraktionen des Kapitals auch das humanistische Bürgertum.

Die Rhetorik gegen das System, die von Seiten der Querdenker*innen genutzt wird, bedient die Interessen des Kapitals, auch dann wenn sie sich „antikapitalistisch“ gibt. Denn je passiver, zerstrittener und verunsicherter die Menschen, sind, desto einfacher lassen sie sich manipulieren. Mit Themen wie „häusliche Gewalt“ und „Recht auf Bildung“ gehen ausgerechnet jene hausieren, die sich bisher noch nie dafür interessiert haben. Auch manche bisherige Linke stimmen in diese Kakophonie mit ein und hängen an den Lippen von Wolfgang Wodarg und Sucharit Bhakdi. Und die „Erwachten“ fühlen sich überlegen, weil sie auf den „Viruswahn“ nicht hereingefallen seien.

Die Linke als Erbin der Aufkärung steht in der aktuellen Krise vor der Herausforderung, sich darüber klar zu werden, wie sie nicht nur mit dieser, sondern auch mit künftigen Pandemien umgehen will. Die Forderung nach einer sozialen Abfederung der von der jeweiligen Kapitalfraktion favorisierten Strategie ist zu wenig. Vielmehr ist eine ZeroCovid-Strategie in Kombination mit einer raschen Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten, die allen kostenlos zugänglich gemacht werden, der beste und humanste Weg, der sowohl meisten Menschenleben rettet als auch mittelfristig die größten Freiheiten verspricht, bis Impfstoffe und Medikamente vorhanden sind. ZeroCovid ist ein Anstoß, um globale Lösungsvorschläge für globale Probleme zu entwickeln, diese zur Diskussion zu stellen und auf die bestehenden Verhältnisse dahingehend einzuwirken, um sie zu ändern.

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