Solidarische Strategie ist erforderlich

Die Regierungen verlängern die Pandemie. Stoppen wir beide!

Von Christian Zeller

Die Regierungen in Europa und Nordamerika hatten die Möglichkeit, die Pandemie zu beenden. Sie haben sich anders entschieden: die Profite der Unternehmen gehen vor, das Leben und die Gesundheit der Menschen sind weniger wichtig.

So wie sich die Regierungen in Europa derzeit verhalten, wird die Pandemie noch viele Monate dauern. Sie wird in Europa weitere Zehntausende und weltweit weitere Millionen von Menschen in den Tod reißen. Die Regierungen haben zu Beginn der Pandemie beschlossen, die Ansteckungen nicht entschlossen zu bekämpfen, sondern nur auf einem bestimmten Niveau halten zu wollen. Doch nun füllen sich die Krankenhäuser erneut. Die Beschäftigten leiden unter massiver Erschöpfung. Genau das haben die Regierungen eingeplant. Ihre Strategie ist erst dann gescheitert, wenn sich die Menschen entschlossen zu wehren beginnen.

Nun liegen die Hoffnungen auf den Impfstoffen. Doch die Impfkampagnen werden die Pandemie alleine nicht beenden. Davor warnten die Fachleute von Anfang an. Das bestätigt sich nun tragisch.

Erstens mutiert das Virus. Je mehr Menschen sich anstecken, desto mehr Mutationen gibt es. Desto eher treten auch Virusvarianten auf, gegen die Impfstoffe höchstens beschränkt wirksam sind. Andere Virusvarianten stecken bereits infizierte Menschen abermals an. Das ist der Fall bei den Mutationen, die zunächst in Südafrika, Brasilien und jetzt in Indien gefunden wurden, sich aber längst global verbreitet haben.

Zweitens verlaufen die Impfkampagnen zu langsam, um die dritte Pandemiewelle zu stoppen. Angesichts der ansteckenderen Virusvarianten müssten rund 90 Prozent der Menschen durch Impfung oder Erkrankung immun werden, um die Pandemie wirklich zu beenden.

Drittens gibt es weltweit schlicht zu wenig Impfstoffe. Die Gründe: Einerseits wollen die Pharmakonzerne ihre Patente nicht freigeben. Sie verhindern damit, dass andere Unternehmen günstig Impfstoffe herstellen. Andererseits ist die Impfstoffproduktion anspruchsvoll und die Wertschöpfungskette zergliedert. Das heißt, der Aufbau einer weltweiten Produktions- und Vertriebsinfrastruktur braucht Zeit. Hierzu ist auch ein solidarischer Technologietransfer zu den armen Ländern erforderlich. Das kapitalistische Profitstreben verhindert eine weltweit solidarische Pandemiebekämpfung. Die Pandemie schreitet weltweit voran. Ihre Bekämpfung erfordert umfassende Solidarität.

Mit zunehmendem Impfschutz der alten Bevölkerung bei gleichzeitiger Virusausbreitung erhöht sich das Ansteckungsrisiko für die jüngere Bevölkerung. Das Durchschnittsalter auf den Intensivstationen sinkt. In Wien war Mitte April die Mehrheit der Covid-19-PatentInnen auf Intensivstationen jünger als 59 Jahre alt. Immer mehr junge Menschen werden an Long-COVID leiden. Je länger die Pandemie andauert, desto stärker leiden die Armen, sozial Benachteiligten und alle, die gezwungen werden, sich bei der Arbeit oder auf dem Arbeitsweg anzustecken. Die Pandemie ist auch Klassenkampf!

Mitten in der dritten Welle stellen die Regierungen und die Interessensvertreter der Wirtschaft abermals die Profitinteressen vor alles andere: Die Produktion muss weiterlaufen, koste es, was es wolle. Rüstungsgüter, Schlachtfabriken, Autos, irrwitzige Finanzprodukte: Alles läuft weiter. Die Menschen stecken sich in Lagerhallen und Großraumbüros an.

Die Gewerkschaften könnten viel tun, um die Beschäftigten zu schützen. Sie wären in der Lage, wertvolle Informationen über das Infektionsgeschehen in den Betrieben zu sammeln. Sie könnten wirksame Maßnahmen durchsetzen oder sogar Streiks zum Schutze der Beschäftigten und ihrer Angehörigen organisieren. Doch sie bleiben weitgehend untätig. Das ist eine große Enttäuschung.

Da die Regierungen die Menschen weiterhin gefährden, ist es nötig, eine starke Bewegung von unten aufzubauen, damit sich die Menschen kollektiv selber schützen und eine solidarische Bekämpfung der Pandemie durchsetzen können.

Christian Zeller lehrt Wirtschaftsgeographie und Global Studies an der Universität Salzburg und engagiert sich für eine transnationale ökosozialistische Bewegung.

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